Tagebuch des Christian Bürger, Folge 7

DAS GIFT WIRKT

23. September 1989

Das Gift wirkt

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„Die Stasi kann hier nicht viel ausrichten. Zumindest nicht, wenn sie von außen kommt. Dafür sind wir alle zu entschlossen, die Botschaft nicht zu verlassen. Doch wir haben auch lange genug im System gelebt und wissen, wie es funktioniert. Das heißt: Es ist allen klar, dass unter uns Spione der Staatssicherheit sind. Bisher sind nur zwei von ihnen aufgeflogen: Der erste hielt dem Druck im Lager nicht mehr stand, hat sich selbst entlarvt und die Botschaft verlassen. Der andere wurde enttarnt und hat noch versucht, über den Zaun flüchten, bevor sie ihn sich geschnappt haben. An dem armen Kerl hat sich zügellose Wut entladen…

„Es ist allen klar, dass unter uns Spione der Staatssicherheit sind. Bisher sind nur zwei von ihnen aufgeflogen.“

Man muss sich hier extrem zusammenreißen und zurücknehmen. Dem einen gelingt das besser, dem anderen weniger gut. Das Wichtige an der Sache ist aber, dass man nicht das Ziel aus den Augen verliert. Wer an der falschen Stelle zu emotional reagiert oder seiner Wut freien Lauf lässt, der riskiert, dass er alles, was er bisher durchgestanden hat, verliert. Auch ich bin angespannt. Auch in mir kocht die Wut, wenn ich erfahre, dass die Stasi hier ist. Herr Weber hat mir erst neulich erzählt, dass die Bundesrepublik nah an einer Lösung dran ist. Sie sind in engem Kontakt mit DDR-Außenminister Oskar Fischer. Wenn wir jetzt auf unseren Hass hören, dann kann die Situation in der Botschaft schnell umschlagen. Dann kann uns je nachdem nicht mehr geholfen werden.

Daher mussten wir die Prügler, die den entlarvten Stasi-Mann verhauen haben, ermahnen, sich zu beherrschen. Auch wenn ich nur zu gut verstehen kann, warum sie ausgerastet sind. „Nicht provozieren lassen“, ist das wichtigste Motto. In Zukunft gilt: Wenn wir einen Stasi-Spitzel erkennen, wenn wir einen schnappen, dann schaffen wir den zu den Mitarbeitern der Botschaft und übergeben ihn.

Videotagebuch Folge 7

DAS GIFT WIRKT

Nicht provozieren lassen, sonst riskieren wir alles.

Und das Wichtigste: Niemals dürfen wir uns dazu hinreißen lassen, uns gegenseitig zu verdächtigen. Das stärkste Gift der Stasi heißt Misstrauen. Wir alle haben jahrelang im DDR-System gelebt. Uns wurde eingebläut, dass wir uns gegenseitig nicht vertrauen können. Dass potenziell jeder uns verraten könnte, wenn wir etwas tun, was nicht systemkonform ist. Und wir alle hier tun etwas nicht systemkonformes. Damals, bei meinem ersten Fluchtversuch wurde ich verraten. Ich muss zugeben, dass es mir seitdem schwer fällt, Menschen aus der DDR zu vertrauen. Und ich hasse mich dafür, dass ich mich seit der Enttarnung des Spitzels dabei ertappe, wie ich überlege, wer von den anderen Flüchtlingen ein Verräter sein könnte.

Ich verbiete mir, so zu denken! Ich will mit diesem Denken nichts mehr zu tun haben! Ich will das System ja verlassen, damit ich nicht mehr so denken muss. Aber es ist schwer. Ich weiß, dass schon bald etwas passieren muss. Ich muss in die Freiheit, sonst werde ich irgendwann meine Wut nicht mehr kontrollieren können, die sich aus der Angst speist, dass all die Kraft, die wir hier seit Monaten aufbringen müssen, nirgendwohin führt.“

ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Hermann und Jacqueline Huber, Botschafter-Ehepaar

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Das Botschafter-Ehepaar Hermann und Jacqueline Huber organisierte die Unterbringung der insgesamt etwa 13.000 DDR-Flüchtlinge in der deutschen Botschaft in Prag. Das Ereignis hat ihr Leben bis heute geprägt.

Deutsche Botschaft in Prag