“Já, Olga Hepnarová”: Auch Trostlosigkeit kann leuchten

21. Februar 2016
Michalina Olszanska | © Black Balance

 

Es ist die Berlinale der wichtigen Themen, doch für mich gibt es seit dem tschechischen Eröffnungsfilm des Panoramas eigentlich nur eine Frage: Was bedeutet das Schwarz-Weiß von „Já, Olga Hepnarová“?

Die Filmemacher Petr Kazda und Tomas Weinreb erzählen in Já, Olga Hepnarová (Ich, Olga Hepnarová) die Geschichte der jungen Frau, die am 10. Juli 1973 in Prag acht Menschen mit einem LKW zu Tode fuhr und dafür gehenkt wurde – als letzte Frau in der Tschechoslowakei.

 

Psychostudie einer Amokläuferin

 

Olga ist ein trostloser Mensch, fühlt sich unverstanden und übergangen, auch in ihrem lesbischen Begehren. Vor Gericht wird sie sich – mit dem schönen deutschen Wort – als „Prügelknabe“ bezeichnen, doch die meiste Aggression geht eindeutig von ihr aus. Olga hasst die Menschen und liebt es, sie vor den Kopf zu stoßen. Famos gespielt wird sie von Michalina Olszanska, mit dauergesenktem Blick und in fast jeder Szene rauchend. Komplettiert wird die Psychostudie durch Monologpassagen, die Hepnarovás umfangreichen Aufzeichnungen und Briefen entnommen wurden. „Ich weiß, ich bin eine Spinnerin, aber eine aufgeklärte“, sagt Olga in die Kamera. „Eines Tages werdet Ihr für meine Tränen bezahlen!“ Aber auch: „Nichts kann mir helfen.“

 

Schwarz-Weiß ist nicht grau

 

Olga nennt viele Gründe für ihre Tat, doch der strikt linear erzählte Film verweigert ihr – und uns – jegliche Kausalitäten – abgesehen von einer klar erkennbaren Persönlichkeitsstörung, die vor Gericht skandalöserweise keine Rolle spielte. Ihre Psychologen sind nett. Die Familie ist schlicht hilflos. Kein Motiv erhält genügend Relevanz, um als Erklärung zu dienen. Und hier kommt für mich das Schwarz-Weiß ins Spiel. Zeigt es das „graue“ Leben in der sozialistischen Tschechoslowakei? Nein, das Schwarz-Weiß in Já, Olga Hepnarová ist nicht grau, es leuchtet wie in den schönsten Klassikern der Nouvelle Vague. Wäre die Tristesse der damaligen Verhältnisse wirklich der springende Punkt, hätte man in Farbe drehen müssen. Das auch nicht bloß nostalgische Schwarz-Weiß verleiht im Gegenteil dieser Geschichte um einen unglücklichen Menschen, wie es ihn zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft geben wird, ihre universale Bedeutung. Vielleicht handelt es sich ja um eine schwerwiegende déformation professionnelle, aber für mich war es der sicher nicht beste, aber schönste Film des Festivals.

 

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

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