Tagebuch des Christian Bürger, Folge 2

GEGEN ALLE WIDERSTÄNDE:
ANKUNFT IN DER BOTSCHAFT

23. Juni 1989

Gegen alle Widerstände: Ankunft in der Botschaft

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„‚Guten Tag, ich bin der Herr Bürger, ich komm aus der DDR und ich geh jetzt hier nicht mehr raus.’ Die Worte kommen mir albern vor, während ich sie jetzt aufschreibe. Doch ausgesprochen hatten sie eine unglaubliche Kraft. Nie habe ich jemals mehr aus dem Herzen gesprochen, als in dem Moment, als ich die Botschaft der BRD in Prag betrat. Jetzt liege ich in meinem Zimmer auf der oberen Etage eines Doppelbetts. Das Zimmer ist kleiner als mein Wohnzimmer und doch habe ich mich niemals freier gefühlt als hier.

„Vor der Botschaft war ich innerlich so nervös wie niemals zuvor in meinem Leben. Ich hörte mein Blut rauschen und meinen Herzschlag bis in die Ohren donnern.“

Denn ich lebe noch. Mit dem „PM-12“, den ich statt meines Ausweises habe, war ich nicht berechtigt, Grenzen zu übertreten. Im Gegensatz zu den meisten meiner Flüchtlingsgenossen, es sind etwa einhundert hier in der Botschaft, musste ich also illegal nach Tschechien rüber machen. Diesmal auf mich allein gestellt – ohne Freunde aber auch ohne potenzielle Verräter. Mein erster Versuch war ziemlich naiv: Ich glaubte tatsächlich, ich könnte mit dem Zug über Bad Schandau einreisen. Ich dachte mir: Nachts sind die Grenzer müde, kontrollieren vielleicht nicht allzu genau. Ich hatte meinen alten Wehrpass noch dabei. In der DDR ist es Gang und Gebe, wer seinen Wehrpass vorzeigt wird nicht weiter kontrolliert. Doch die Jungs waren munter, haben ganz genau hingeschaut, mich identifiziert und mich aus dem Zug in eine Baracke im Niemandsland geführt – der Arbeitsplatz von zwei Herren in dunklen Anzügen, die sich wohl freuten, endlich wieder jemanden verhören zu dürfen. Sechs Stunden. Mittlerweile reine Routine für mich. Daher kam meine Story, ich hätte die Bekannte, die ich im Frühling am Bahnhof verabschieden musste, in Bratislava treffen wollen, wohl sehr glaubwürdig rüber. Ich durfte gehen, sollte mich aber bei der Behörde melden. Doch dort würde man mir nicht glauben, das wusste ich… Zuhause packte ich gleich meine Sachen und bin nach Oberwiesenthal. Ich habe mir einen Tarnanzug angezogen und mich an der Grenze im Gebüsch versteckt. Geduldig habe ich die Abstände gemessen, in denen die DDR-Grenzer liefen und auch die der tschechischen Grenzer. Ich hatte Glück: Als ich schließlich wagte, ins Gebirge zu laufen, wurde ich nicht entdeckt. Ich wusste, dass es gefährlich ist, wenn ich loslaufe. Dass ich sofort durch eine Kugel sterben würde, wenn sie mich sehen. Aber trotzdem lief ich ganz instinktiv los. Irgendwie ohne Angst. Das Herzrasen kam erst, als ich sicher an den Grenzern vorbei war und mich hinter einem Felsen versteckte. Es war stockdunkel, als ich in den angrenzenden Wald hinein schlich, durch den ich schließlich nach Tschechien kam. Ein beschwerlicher Gang – aber nicht ansatzweise so bedrückend, wie der Gang zur Behörde gewesen wäre.

Videotagebuch Folge 2

GEGEN ALLE WIDERSTÄNDE: ANKUNFT IN DER BOTSCHAFT

Heute Vormittag kam ich in Joachimstal an, einem kleinen tschechischen Ort. Müdigkeit und Hunger bemerkte ich nicht. Die Euphorie, es geschafft zu haben und die Angst, in letzter Sekunde aufzufliegen, machten alle körperlichen Bedürfnisse unwichtig. Ein Bus brachte mich nach Prag. Auf dem Weg zur Botschaft warnte mich ein Touristenpaar – Westdeutsche, die viel besser informiert waren als ich – dass direkt an der Botschaft eine Milizstation ist, wo streng kontrolliert wird. Die Warnung ließ meinen Adrenalinspiegel steigen. Ich war angespannt, aber gleichzeitig wieder absolut fokussiert. Ich kann es nur so beschreiben: Ich fühlte mich wie ein gejagtes Wild. Es gibt nur einen Ausweg, aber an der nächsten Ecke kann alles wieder vorbei sein.

Vor der Botschaft war ich innerlich so nervös wie niemals zuvor in meinem Leben. Ich hörte mein Blut rauschen und meinen Herzschlag bis in die Ohren donnern. Doch nach außen hin – ich glaube, es lag tatsächlich an einer Art Fluchtinstinkt – war ich ganz ruhig. Als wäre ich ein Tourist, habe ich versucht, die Miliz zu ignorieren und ganz unbefangen Gebäude fotografiert. Vor der amerikanischen Botschaft habe ich die Fahnen fotografiert, dann die Eingänge gegenüber und dann habe ich die deutsche Botschaft ins Visier meiner Kamera genommen… Langsam ging ich auf sie zu, ließ die Kamera sinken, versuchte, nicht zu den beiden Milizen zu sehen, die unweit von mir an der Straße standen und rauchten. Ich weiß nicht, ob sich einer von ihnen wirklich bewegt hat. Aber ich bin mir sicher, dass der linke plötzlich zwei Schritte in meine Richtung machte. Ich rannte. Der Herzschlag pochte schneller, das Blut rauschte so stark, dass ich kein Geräusch von außen wahrnehmen konnte.

Nur dann plötzlich meine Stimme, als ich über die Schwelle der Botschaft sprang. ‚Guten Tag, ich bin der Herr Bürger, ich komm aus der DDR und ich geh jetzt hier nicht mehr raus.’“

ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Hans Joachim Weber, Diplomat

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Er war seit Anfang 1989 für die Flüchtlinge in der Deutschen Botschaft in Prag zuständig. Er begleitet schließlich auch einen Zug in die Bundesrepublik und fuhr direkt wieder zurück um die zweite Ausreisewelle zu begleiten.

Deutsche Botschaft in Prag