Tagebuch des Christian Bürger, Folge 4

FLÜCHTLINGSSTRÖME

28. August 1989

Flüchtlingsströme

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„Vor drei Tagen ist Herr Huber mit seiner Frau in den Urlaub gefahren. Das hätte der Botschafter sicher nicht getan, hätte er geahnt, was seit seiner Abreise passiert ist. Seit etwa einem Monat bin ich „Botschaftsflüchtling“. So werden wir in der Westpresse genannt, die regelmäßig über uns berichtet. Wir haben ein paar Radios hier, die einige Flüchtlinge mit in die Botschaft gebracht haben. Zunächst stießen täglich etwa drei bis fünf Leute zu uns. Als wir irgendwann dreihundert Flüchtlinge waren, schlug Hans Joachim Weber vor, dass wir uns organisieren und alles zentraler regeln sollten. Wir setzten uns zusammen und gründeten eine „Lagerleitung“ – bestehend aus zehn Leuten. Und ich, der ich sehr schnell zu den „alteingesessenen“ Flüchtlingen gehörte, bin auch ein Leiter, was bedeutet, dass ich mit Zetteln durch die Botschaft ziehe und aufschreiben lasse, welche Bedürfnisse die Leute haben. Die gehen dann an Herrn Weber und der kümmert sich darum, dass so viele Wünsche wie möglich erfüllt werden: Seien es neue Anziehsachen, Decken oder Medikamente. Eine schöne Aufgabe, die mich vor der Qual erlöst hat, Tag für Tag nur Löcher in die Luft starren zu müssen. Bis vor einigen Tagen war sie auch noch einfach zu bewältigen. Ich bin täglich von Zimmer zu Zimmer gegangen, habe mich mit den Leuten unterhalten und die Listen gemacht. Hier und da habe ich Streits geschlichtet, alles vollkommen harmlos.

„Immer mehr Reporter sind jetzt da. Jeden Tag stehen mindestens zwei Kameras hinter den Zäunen und Journalisten fragen uns nach unserem Leben in der Botschaft.“

Doch von Tag zu Tag werden es mehr Menschen. Und damit auch mehr Aufgaben. Die letzten fünf Tage habe ich täglich 18 Stunden lang gearbeitet. Jeden Tag habe ich diesen Eintrag erneut aufgeschoben. Doch jetzt zwinge ich mich, die Erschöpfung zu ignorieren und ihn zu schreiben. Heute habe ich zum ersten Mal bei der Registratur der Neuankömmlinge geholfen. Mit einem Kran wurde ein Bürocontainer in die Orangerie gehoben. In dem sitze ich und fülle Bögen aus, befrage Flüchtlinge nach ihrer Vergangenheit und nach ihrer Geschichte.

Über vierhundert Menschen sind mittlerweile in der Botschaft. Das bayerische Rote Kreuz hat sechs Mannschaftszelte geliefert, in denen wir Leute unterbringen können – denn im Palais Lobkowitz ist kein Platz mehr. Die Regeln sind klar: Frauen und Kinder kommen in die Räume des Palais, Männer in die Zelte.“

Videotagebuch Folge 4

FLÜCHTLINGSSTRÖME

12. September 1989

„Immer mehr Reporter sind jetzt da. Jeden Tag stehen mindestens zwei Kameras hinter den Zäunen und Journalisten fragen uns nach unserem Leben in der Botschaft. Sie sind freundlich und stellen uns freundlich dar. Das sagen zumindest die Botschafts-Mitarbeiter, die uns jeden Tag in der Tagesschau und den Tagesthemen sehen und uns dann erzählen, dass wir im Westfernsehen wie Helden inszeniert werden. Das ist gut, auch wenn sich natürlich niemand von uns wie ein Held fühlt. Aber erst recht fühlen wir uns natürlich nicht wie Erpresser. So werden wir in der Aktuellen Kamera im DDR-Fernsehen genannt. Deutlicher kann uns wohl nicht mehr gemacht werden, wo wir hingehören. Ich bin abends unendlich erschöpft von meiner Arbeit. Morgens aber euphorisiert. Alles, was hier passiert, ist aufregend für mich, für uns, für die Leute draußen. Erst recht, seit wir Anfang September die magische Grenze von über 1000 Flüchtlingen gesprengt haben. Neulich kam sogar eine komplette Gaststätte aus Berlin. Komplett! Von der Servierkraft bis über die Kellner und Köche bis hin zur Restaurantleiterin. Die kamen alle zusammen in einer Nacht bei uns an und sagten: „Wir sind der Richtenberger Hof“.

Obwohl gefühlt jeder Quadratmeter besetzt ist, versuchen wir, so gut wie möglich einen normalen Tagesablauf zu schaffen. Gestern haben wir das „Kinderzelt“ eröffnet. Eine Notlösung, denn auf zwei Erwachsene kommt ein Kind. Wir haben einen Kindergarten und eine Schule in dem Zelt eingerichtet. Von 9 bis 12 Uhr morgens wird Unterricht gegeben, danach darf gespielt werden. Frau Huber ist extra nach Prag gefahren und hat die halbe Spielwarenabteilung eines Kaufhauses leer gekauft. Ich habe noch nie so lautes Kindergeschrei gehört, wie in dem Moment, als der Lieferwagen Spielzeug über Spielzeug ausgeschüttet hat. Trotz aller Anstrengungen gibt es also Fröhlichkeit hier. Alle geben sich Mühe, dass das Leben in unserer kleinen Zeltstadt angenehm ist. Der Vorteil der riesigen Menschenmenge ist natürlich, dass wir das gesamte Potenzial an Berufen da haben: Von der Kindergärtnerin bis zum Chefarzt. Wir sorgen dafür, dass jeder etwas zu tun hat.“

ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Stephan Radke, Kameramann

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Er war einer der beiden einzigen Kameramänner, die die historische Rede von Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989 filmen konnten. Ein Gefühl hatte ihm gesagt, dass es günstig sein würde, hinter das Botschaftsgebäude zu gehen. Kaum war er dort, kam Genscher auf den Balkon. Heute ist Stephan Radke Director of Photography im ZDF Studio London.

Deutsche Botschaft in Prag