Tagebuch des Christian Bürger, Folge 12

EIN LETZTES TREFFEN MIT DER STASI

2. August 1990

Ein letztes Treffen mit der Stasi

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„Reichenbach. Hier war die Angst am größten. Unser Zug machte den letzten Halt auf DDR-Gebiet. Vier Herren stiegen ein, denen man schon aus Kilometern Entfernung angesehen hat, zu welcher Firma die gehörten. Zwei von ihnen kamen in unser Abteil und die anderen beiden gingen in ein anderes und… „Die Personalausweise bitte!“

Manch einer weigerte sich, den Pass zu zeigen. Die meisten hatten in den letzten Jahren die Erfahrungen gemacht, dass es nie positive Folgen hatte, wenn man einem Stasi-Mitarbeiter ein Ausweispapier übergab. Doch wer sich weigerte, wurde schroff angeschrien: „Das ist Eigentum der Deutschen Demokratischen Republik! Die haben Sie abzugeben!“ Also wurden die Ausweise eingezogen und nicht mehr zurückgegeben. Das hat die wenigsten gestört. Aber ich trug natürlich immer noch mein „Kainsmail“ mit mir herum. Das PM-12, das mich als gesuchten Republiksflüchtling auswies. Damit würden die mich nicht weiterfahren lassen – da war ich mir ganz sicher. Der Gedanke, dass sie mich aus dem Zug holen würden und ich wieder im Gefängnis landen würde, stieg in mir auf.

„Ich nahm den Stasi-Mann gar nicht mehr als bedrohlich wahr. Ich hatte fast sogar Mitleid mit ihm. Er war nur ein kleiner Beamter in einem System, von dem wir alle im Zug uns gerade befreiten.“

Eine Welle der Angst brach wieder über mir zusammen. Aber ich hatte gelernt, mich nicht mehr von der Welle mitreißen zu lassen. Die Angst war mittlerweile mein ständiger Verfolger, den ich aber jetzt kurz vor dem Ziel nicht die Gelegenheit geben wollte, über mich herzufallen. Den Flüchtlingen um mich herum ging es genau so. Mit der Angst, dass die Reise hier zu Ende sein würde, kam eine unheimliche Stille auf. Dann ging die Tür zu unserem Abteil auf. Als ich nach meinem Ausweis gefragt wurde, hatte ich die Wahl, nach Ausflüchten zu suchen oder eine Angriffstaktik zu wählen. So kurz vor dem Ziel, bei meiner letzten großen Prüfung, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und entschied ich mich für Letzteres. Wie dieser Stasi-Kerl mich anstarrte… In diesem Moment merkte ich auch, dass ich in den letzten Wochen in der Botschaft so viel Mut und Selbstbewusstsein getankt hatte, dass die Angst, gar nicht mehr die Möglichkeit hatte, über mich herzufallen.

Plötzlich nahm ich den Stasi-Mann gar nicht mehr als bedrohlich wahr. Ich hatte fast sogar Mitleid mit ihm. Er war nur ein kleiner Beamter in einem System, von dem wir alle im Zug uns gerade befreiten. Er hatte nicht das Glück, wie wir in einem Zug in die Freiheit zu sitzen. Er war nur ein bemitleidenswertes Teilchen im System. Und diesem Teilchen sagte ich frech: „Na, meinen Ausweis habt ihr doch schon lange!“

Videotagebuch Folge 12

EIN LETZTES TREFFEN MIT DER STASI

Das Stasi-Teilchen fragt mich nach meinem Namen und zückt ein Büchlein. „Christian Bürger“, sage ich so selbstbewusst wie möglich. In diesem Moment schnellen die Köpfe von allen vier Stasi-Beamten zu mir herum. Sie schauen mich an, als würden sie David Hasselhoff auf der Berliner Mauer tanzen sehen. Als wäre ich prominent… Ich bin verwirrt, aber gebe die Maske des selbstbewussten Trotzkopfs nicht auf. Ich halte ihren Blicken stand. Das Stasi-Teilchen schreibt etwas in sein Büchlein, guckt mich noch kurz an und geht weiter. Sammelt weiter Ausweise ein.

Erst im Westen wurde mir klar, was da passiert war. Immer wieder war ich in der Botschaft von Journalisten der Westpresse interviewt worden. Ständig war ich als Stimme der Flüchtlinge in den Tagesthemen zu sehen gewesen. Die Presse war in der Botschaft so sehr Teil meiner Alltagsroutine geworden, dass ich ihr gar keine Bedeutung mehr beigemessen hatte. Ich war während der Zeit in Prag prominent geworden. Hätten Sie mich verhaftet, hätte es einen Skandal gegeben. Die Medien hatten mich immun gemacht. Mein Zug in die Freiheit setzte sich wieder in Bewegung.“

ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Hans Joachim Weber, Diplomat

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Er war seit Anfang 1989 für die Flüchtlinge in der Deutschen Botschaft in Prag zuständig. Er begleitet schließlich auch einen Zug in die Bundesrepublik und fuhr direkt wieder zurück um die zweite Ausreisewelle zu begleiten.

Reichenbach im Vogtland