Tagebuch des Christian Bürger, Folge 3

EIN HAUCH VON FREIHEIT

25. Juni 1989

Ein Hauch von Freiheit

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„Kaum war ich über die Schwelle gesprungen, rief ein Pförtner Herrn Weber, einen Diplomaten, der vom deutschen Botschafter Huber beauftragt worden war, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Er holte mich am Tor ab und hieß mich sehr herzlich willkommen – ein freundlicher aber ehrlicher Mann. Denn Herr Weber gab zu, dass niemand in der Botschaft wusste, was mit den Flüchtlingen letztlich geschehen würde. Aber das war mir egal. Für mich war einzig und allein wichtig, dass ich mich auf dem Gebiet der Bundesrepublik befand und dass ich die Gewissheit hatte, dass sie mich dort nicht rausschmeißen dürfen.

Vor wenigen Tagen war ich noch auf der Flucht – heute bin ich in einem Palast. Das Palais Lobkowitz ist ein riesiges, prächtiges Gebäude. Botschafter Hermann Huber und seine Frau kümmern sich rührend um uns. Mittlerweile sind wir denke ich 100 Flüchtlinge. Es fühlt sich so an, als seien wir eine große Gruppe von Hausbesetzern, die das prächtige Palais Lobkowitz erobert haben. Hier hat die Botschaft der BRD ihren Sitz. Und was sind Hausbesetzer? Freie Menschen! So fühlt sich wirklich jeder von uns hier.

„Vor wenigen Tagen war ich noch auf der Flucht – heute bin ich in einem Palast. Es fühlt sich so an, als seien wir eine große Gruppe von Hausbesetzern, die das prächtige Palais Lobkowitz erobert haben.”

Wir leben in einem Nebengebäude der Botschaft, wo vorher die Visa-Stelle für die tschechischen Bürger war. Die Büroräume wurden ausgeräumt und mit Doppelbetten ausgestattet. Hier liegen wir zusammen und fühlen uns manchmal wie junge Leute auf einer Klassenfahrt. Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge in die Botschaft. Die Nachricht, dass sie hier willkommen sind, scheint sich wie ein Lauffeuer zu verbreiten. Die Wachleute der Botschaft wohnen bereits in Hotels in der Stadt, um Platz für uns zu schaffen. Wir haben alles, was wir brauchen. Manchmal wünschte ich, ich hätte mehr Klamotten mitgenommen – den Tarnanzug habe ich im Wald weggeworfen und in meinem Rucksack ist nicht nur etwas Unterwäsche und eine Ersatzjeans. Aber es ist schön, dass dies zurzeit mein größtes ‚Problem’ ist.”

Videotagebuch Folge 3

EIN HAUCH VON FREIHEIT

28. Juni 1989

„Drei Tage ist mein letzter Tagebucheintrag alt und ich kann freudig verkünden: Mein „Problem“ wurde gelöst. Der Hausmeister der Botschaft hat mir heute Morgen Klamotten gebracht, die von Botschafter Hubers Frau in der Stadt gekauft wurden. Huber und seine Frau kümmern sich rührend um uns. Neulich haben sie ein Grillfest veranstaltet, wo ich zum ersten Mal mit den beiden sprechen konnte. Ich war überrascht, als ich sie zum ersten Mal sah: Ein kleiner schmächtiger Mann und eine noch kleinere schmächtigere Frau. Irgendwie faszinierend, dass Diplomaten nicht unbedingt dominante Erscheinungen sein müssen, sondern auch schmächtig sein können. Aber schon an diesem Nachmittag lernte ich, dass die Hubers absolut faszinierende und einnehmende Menschen sind. Sie wirkt wie eine Filmdiva und spricht mit französischem Akzent – mit Edith Piaf vergleichbar. Doch es fehlt ihr jede Arroganz, die Franzosen ja gerne unterstellt wird. Bei ihr spürt man sofort diese Herzensgüte, man weiß gleich, dass sie ein unglaublich warmherziger Mensch ist. Ihr Mann steht dem in nichts nach: Beim Grillen im Botschaftsgarten hat er jeden von uns begrüßt, hat sich mit jedem unterhalten, hat nach unseren Beweggründen gefragt. Man hat gemerkt, dass auch er ein sehr einfühlsamer Mensch ist, der sich tatsächlich für unsere Probleme interessiert. Das Ehepaar Huber ist durch und durch herzensgut. Da ist nichts gestellt, nichts gespielt und nichts gezwungen. Und weil sie hier sind fühlen wir uns sicher.“

ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Hermann und Jacqueline Huber, Botschafter-Ehepaar

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Sie organisierten die Unterbringung der insgesamt etwa 13.000 DDR-Flüchtlinge in der deutschen Botschaft in Prag. Das Ereignis hat ihr Leben bis heute geprägt.

Deutsche Botschaft in Prag