Tagebuch des Christian Bürger, Folge 6

EIN BLICK ZURÜCK

20. September 1989

Ein Blick zurück

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„Ich weiß nicht, ob ich jemals so aufgewühlt war, wie jetzt. Meine Gefühle niederzuschreiben, wird nicht einfach sein, aber ich versuche, so ehrlich wie möglich zu sein. Niemals hätte ich gedacht, ich könnte so etwas wie Heimweh empfinden. Aber absurderweise fühle ich heute genau das. Heimweh nach dem Staat, aus dem ich fliehen will. In all unserem Chaos und der Unwirklichkeit hinter den Mauern der Botschaft hatten wir heute einen unverhofft idyllischen Abend. Wir saßen in einem Zelt rund um einen Kanonenofen, haben Gulasch gelöffelt und uns an unsere Kindheit und Jugend erinnert. An die schönen Dinge, die wir irgendwie auch zurücklassen, wenn wir der DDR den Rücken kehren.

Ich bin systemkonform aufgewachsen, meine Eltern glaubten fest daran, im richtigen Teil Deutschlands zu leben. Ich war in der FDJ und diesen ganzen schulischen Organisationen vertreten. Ich konnte Sport machen, hatte viele Freude, großen Spaß und fühlte mich wohl im System. Wir haben heute Abend alle Geschichten aus der FDJ- Zeit erzählt und von den Abenteuern, die wir bei den Jungen Pionieren erlebt haben. Idyllische glückliche Zeiten, die leider nicht mehr zurückkommen werden und die zum Teil unserer Identität geworden sind. Lassen wir unsere Identität zurück, wenn wir in die BRD kommen? Werden wir dort jemals so glücklich sein können, wie wir damals als Kinder waren? Ist dies überhaupt für irgendeinen Erwachsenen möglich?

„Niemals hätte ich gedacht, ich könnte so etwas wie Heimweh empfinden. Aber absurderweise fühle ich heute genau das. Heimweh nach dem Staat, aus dem ich fliehen will.“

Erwachsenwerden assoziiere ich mit Unglücklichwerden. Ich war etwa 15 Jahre alt, als die ersten Zweifel kamen. Während eines Urlaubs in Ungarn lernte ich Menschen aus Österreich und Ungarn kennen. Mit denen habe ich abends zusammen gesessen und mir fiel auf, dass die ja gar nicht die bösen Kapitalisten sind, wie uns jeden Tag in der Schule erzählt wurde. Das waren ganz normale Menschen, die Sorgen und Probleme hatten. Da wurde mir klar, dass mir zu Hause Scheiß erzählt wurde. Seitdem kann ich das System nicht mehr positiv sehen. Ich bemerkte immer mehr Widersprüche. Doch heute Abend fiel mir wieder ein, wie schön es war, als ich das System, das ja meine Heimat war, noch positiv sehen konnte. Vielleicht ist „Heimweh“ das falsche Wort. Ich habe kein Heimweh. Ich bin einfach nur traurig, dass diese Zeit für immer zu Ende ist. Mit 17 Jahren wurde ich Vollwaise und musste mein Leben komplett selber gestalten. Plötzlich war niemand mehr um mich herum, der darauf achtete, dass ich das System nicht hinterfrage. Ich wurde erwachen – und alles um mich herum erschien falsch und machte mich unglücklich. Wie hätte ich keinen Ausreiseantrag stellen sollen?

Videotagebuch Folge 6

EIN BLICK ZURÜCK

Also: Trotz aller Nostalgie, die heute wieder hochgespült wurde, ist mein Entschluss felsenfest. Ich will raus aus diesem System, das mich niemals glücklich machen wird, auch wenn ich dort einmal glücklich war. Bei anderen scheint der Entschluss weniger fest zu sein, wenn auch nicht bei vielen. Heute kam Professor Vogel, ein Anwalt der DDR zusammen mit seinem Assistenten Gregor Gysi in die Botschaft. 24 Leute konnten sie überreden, wieder mit zurück in die Heimat zu kommen. Einer von ihnen hat sich bei uns entschuldigt. Vogel hatte ihm ein schlechtes Gewissen gemacht, da seine Mutter krank, pflegebedürftig und allein sei. Wer weiß, ob dem wirklich so ist.

Am Abend haben wir überlegt, warum wir in die DDR zurückkehren würden. Und da fielen allen im Zelt nur glückliche Stunden in der Kindheit ein. In der Zeit der Unwissenheit. Heute wissen wir zu viel. Und da kam die Frage auf, was wir tun würden, sollten wir jemals die Botschaft verlassen müssen. Wir könnten dann alle zusammen in einem Konvoi Richtung tschechisch-österreichische Grenze gehen. 6000 Menschen in einer langen Schlange. Eine verrückte Vorstellung. Doch als die Idee aufkam, hat niemand im Zelt gesagt, dass er nach einer Räumung der Botschaft wieder zurück in die Heimat gehen würde. Dafür haben wir alle mittlerweile einen zu hohen Preis gezahlt.“

ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Jens Hase, DDR Flüchtling

hase-portrait

Jens Hase stammt aus Eisenach. Im Alter von 19 Jahren floh er aus der DDR. Er ließ seine Familie und Freunde zurück und machte sich auf den Weg nach Prag in die Botschaft. Nach der gelungenen Ausreise musste er sich mit nichts weiter als einem Rucksack und 200 Mark in der Tasche ein ganz neues Leben aufbauen. Der gelernte Metallbauer begann eine neue Ausbildung als Informationssystemelektroniker. Heute lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter im bayerischen Günzburg.

Deutsche Botschaft in Prag