Tagebuch des Christian Bürger, Folge 5

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

19. September 1989

Der ganz normale Wahnsinn

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„Ein verrücktes Bild: Ich liege auf der Treppe in der Eingangshalle des Palais Lobkowitz. Ich schlafe in der Nähe von Jens Hase, einem Flüchtling, der sich besonders engagiert. Überall um uns herum quetschen sich die Menschen zusammen und versuchen Ruhe zu finden. Überall stinkt es, weil wir ungewaschene Klamotten tragen. Der Dreck verklebt alles. Wir werden ihm nicht mehr Herr. Und dann wache ich plötzlich auf, als ich höre, wie sich im Wohnbereich der Hubers eine Tür öffnet. Ein Paar in Cocktailkleid und Frack schlängelt sich zwischen uns die Treppe hindurch. Und erst im dritten Augenblick erkenne ich, dass es die Hubers selbst sind. Gestriegelt und wohlriechend waten sie durch uns hindurch, um irgendwo da draußen – in einer Welt, die uns allen hoffentlich auch bald zugänglich sein wird – ihren Pflichten als Botschafter nachzukommen. Bevor sie die Botschaft verlassen, erkundigen sie sich noch einmal bei uns: „Alles okay? Kommen Sie zurecht? Sind alle satt?“ Dass sie nach der langen Zeit, in der wir hier sind, immer noch so geduldig und freundlich sind, öffnet mir das Herz.

„Wir sind bereits über 5000 Flüchtlinge. Es gibt keinen Platz mehr, die Luft ist schlecht, die Stimmung immer öfter gereizt.“

Mittlerweile sind wir aus den Medien nicht mehr wegzudenken, weswegen die Flüchtlingsströme, die uns erreichen nicht weniger werden. Herr Huber gibt sich kampflustig. „Und wenn 6000 kommen, wir werden Platz für sie finden“, sagt er optimistisch. Wir sind bereits über 5000 Flüchtlinge. Es gibt keinen Platz mehr, die Luft ist schlecht, die Stimmung immer öfter gereizt. Wir versuchen den Leuten so gut wie möglich klar zu machen, dass wir unser gemeinsames Ziel nur schaffen, wenn wir zusammenhalten. Im Großen und Ganzen funktioniert gutes Zureden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die bereit sind für ihre Ziele alles zurückzulassen, sehr vernünftige Menschen sind. Ich habe keine Ahnung, wo noch ein weiterer Ankömmling unterkommen soll. Aber das wusste ich auch schon nicht, als wir „nur“ 4000 waren. Zelte, die für 25 Personen ausgelegt sind, werden mittlerweile von 60 bis 70 Menschen bewohnt. Nicht alle können nachts schlafen, wir haben „Schlafschichten“ bestimmt. Toiletten und Sanitäreinrichtungen sind komplett zusammengebrochen. Das rote Kreuz hat Toilettenwagen organisiert. Dort stehen den ganzen Tag lang Menschen an. Duschen ist nicht mehr möglich. Wir versuchen in Schüsseln und Gießkannen Wasser aus der Botschaft zu holen, damit man sich wenigstens Gesicht und Hände waschen kann. Doch Hygiene gibt es faktisch nicht mehr. Besonders macht uns der Regen zu schaffen. Er verwandelt den wunderschönen Park in der Botschaft in eine Schlammwüste. Mit Holzpaletten versuchen wir, Wege zu befestigen. Plastikplanen werden zwischen die Zelte gespannt. Auch die tschechische Miliz war lange ein Problem. Sie hat immer wieder versucht, Menschen vom Zaun zu zerren, die zu uns klettern wollen. Die gingen brutal zur Sache. Letzte Woche hat Botschafter Huber selbst gesehen, wie einer Frau, die am Zaun hing, die Hose runter gerissen wurde. Er trat daraufhin persönlich zu den Milizen an den Zaun und hat mit seinen Mitarbeitern die Milizionäre daran gehindert, die Flüchtlinge weiter zu belästigen. Seitdem haben sie sich nicht mehr eingemischt.

Videotagebuch Folge 5

DER GANZ NORMALE WAHNSINN

Doch trotz aller Unannehmlichkeiten bleibt also die Gewissheit, dass hier in der Botschaft etwas ganz Wunderbares passiert. Wir wissen alle nicht, was mit uns geschehen wird. Aber wir waren niemals hoffnungsvoller, dass wir irgendwann in Sicherheit sein werden. Das Gefühl hatte ich vor allem am 13. September. Der FC Hansa Rostock spielte im Europapokal gegen Caník Ostrava aus der Tschechei. An diesem Tag fuhr ein Sonderzug mit Rostock-Fans nach Ostrava. 300 von ihnen stiegen bereits in Prag aus und kletterten bei uns über den Zaun. 300 blau gekleidete Hansa-Fans klettern über den Zaun, einer nach dem anderen bis in die Nacht hinein. Ein unglaubliches Bild, das mich im ersten Moment annehmen ließ, die DDR hätte ihre Grenzen jetzt komplett aufgemacht. Ich bin überzeugt, dass alle Botschaftsflüchtlinge nie wieder in die DDR zurück müssen. Doch dass dieses Glück alle ostdeutschen Bürgern zuteilwerden wird, wird wohl noch für lange Zeit eine Utopie bleiben…“

Deutsche Botschaft in Prag