Was geschieht eigentlich nach der Dankesrede?

17. Februar 2018

Ein Goldener Bär ist eine tolle Publicity für einen Film. Reagiert das Publikum in China allerdings genauso positiv auf einen preisgekrönten Film? Das ist aus den vier Filmen aus China geworden, die mit einem Goldenen Bären ausgezeichnet wurden.

Von Yun-hua Chen

Im vergangenen Jahr wurde der chinesische Film Have A Nice Day (好极了, später unbenannt in 大世界) auf der Berlinale gezeigt. Er war der erste Zeichentrickfilm in Spielfilmlänge, der bei den drei großen europäischen Filmfestivals in Cannes, Berlin und Venedig im Wettbewerb lief. Der Film wurde Ende 2017 in Taipei auch mit dem Golden Horse Award ausgezeichnet. Noch bevor der Film in seinem Heimatland im Januar 2018 erstmals gezeigt wurde, wimmelte es auf chinesischen Filmkritikseiten wie douban.com (豆瓣) schon vor guten Rezensionen und Empfehlungen. Trotz dieses Medienhypes lag die row piece rate – (ein Wert, der misst, welchen Anteil ein Film innerhalt aller Vorführungen einnimmt) nur bei 2,3 %, das Einspielergebnis bei rund zwei Millionen Yuan. Diese Diskrepanz zwischen dem Erfolg bei Filmfestivals und dem Geschmack des heimischen Publikums ist kein vereinzeltes Phänomen. Wenn man sich einmal die vier chinesischen Filme anschaut, die bei der Berlinale schon einen Goldenen Bären gewonnen haben, stellt man fest, dass sie danach alle sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen haben.

Der erste Film aus China, der mit einem Goldenen Bären prämiert wurde, warRed Sorghum (红高粱) von Zhang Yimou nach dem Roman von Mo Yan (莫言). Nachdem das Werk 1988 die Jury der Berlinale überzeugt hatte und mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet worden war, ließen weitere Preise bei internationalen Filmfestivals nicht lange auf sich warten. Red Sorghum war außerdem der erste chinesische Film, der nach der dortigen Kulturrevolution in den USA in die Kinos kam. Als Film mit den höchsten Einspielergebnisse des Jahres bescherte das Werk dem Xi’an Filmstudio mehr als vier Millionen Yuan. Der Film, der bei Kritikern und Publikum in China und im Ausland gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde, hat seinerzeit auch die Art des Filmemachens in China sowie den Blickwinkel auf den chinesischen Film seitens des internationalen Filmemarkts enorm beeinflusst. Er ist heute aus dem Kanon des chinesischen Kinos nicht wegzudenken und ist immer noch Gegenstand vieler Vorlesungen im Bereich Filmwissenschaft.

Der Film Die Frauen vom See der duftenden Seelen (香魂女) von Xie Fei (谢飞), der im Jahr 1993 ebenfalls einen Goldenen Bären bekommen hat, ist dagegen weitgehend in Vergessenheit geraten. In dem Film geht es um die Frustrationen, die chinesische Frauen in einer von Traditionen geprägten Gesellschaft empfinden, in der es ihnen versagt bleibt, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er erzählt auch von der Grausamkeit, mit der Frauen genau diese Traditionen an ihre Geschlechtsgenossinnen weitergeben. Gaowa Siqin hat nach der Berlinale beim Chicago International Film Festival den Preis für die beste Schauspielerin gewonnen, der Film wurde auch in Europa und in den USA gezeigt. In China haben ihn leider nicht viele Menschen gesehen, dort hat er nur rund 8.000 Yuan eingespielt. 2007 hat Xie Fei beim Chinese Film Festival in Edinburgh einen Vortrag für Studierende gehalten. Außerdem gab es eine Retrospektive des Regisseurs, anlässlich der ich den Film auch gesehen habe.

Nachdem Xie Fei auf der Berlinale mit einem Preis gewürdigt worden war, sollte es 14 Jahre dauern, bis der nächste Film aus China einen Goldenen Bären bekommen würde. 2017 wurde Tuyas Hochzeit (图雅的婚事) von Wang Quan’an (王全安) mit dem Preis bedacht. In dem Film geht es um Alxa League (拉善盟), eine Frau aus der Inneren Mongolei, die sich von ihrem behinderten Mann scheiden lässt und neu heiraten möchte – unter der Bedingung, dass der neue Kandidat ihren ersten Ehemann mit unterstützt. Die Produktionskosten des Films beliefen sich auf rund 100.000 Yuan. In seiner Heimat stieß der Film auf wenig Interesse und brachte mit zwei Millionen Yuan nur ein mittelmäßiges Einspielergebnis ein, das nur 4 % des ganzen Umsatzes ausmachte. 96 % wurden demzufolge im Ausland eingespielt, wo der Film begeistert aufgenommen wurde.

Der Film Feuerwerk am hellichten Tage (Black Coal, Thin Ice, 白日焰火) war ein Riesenerfolg auf ganzer Linie: 2014 wurde er bei der Berlinale sowohl in der Kategorie „bester Film” als auch „bester Schauspieler” ausgezeichnet. Er konnte über 100 Millionen Yuan in seiner Heimat einspielen und ist damit der erfolgreichste preisgekrönte Film des chinesischen Kinos überhaupt. Der Thriller lief zur selben Zeit auch in diversen europäischen Ländern, wo er von der Presse regelrecht gefeiert wurde. Seinen Erfolg verdankt der Film einem ausgeklügelten Genre-Mix, der bewusst die Stilmittel von Arthouse-Kino und Mainstream-Film verbindet. Erzählt wird die Geschichte eines bizarren Mordfalls in einer Kleinstadt im Norden des Landes. Nach einer Pflichtverletzung muss der Polizist, der den Fall untersucht hat, als Sicherheitsmann arbeiten und gerät dabei langsam in eine Liebesfalle, in die ihn die Witwe des Opfers lockt. Das Werk ist damit Film Noir und Liebesgeschichte in einem. Während die Sozialkritik im Hintergrund bleibt, werden mit den Erzählmitteln des Autorenfilms Traumwelten und Realität kunstvoll verwoben. Mit einem echten Staraufgebot, viel Unterstützung von offizieller Seite und, was wohl am wichtigsten war, einem professionellen Marketing, das Online- und Offline-Werbung gekonnt miteinander verband und damit das Produkt bekannt machte, wurde der Film zu einem außergewöhnlichen Erfolg, der in der chinesischen Filmlandschaft seinesgleichen sucht.

 

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