Magische Zwischenwelten und kluge Realitätsflucht

25. Februar 2018

Wie nimmt man Abschied von einem geliebten Menschen? „Sekala Niskala“ (Das Sichtbare und das Unsichtbare) zeigt in betörenden Bildern, wie die Fantasie eine Zehnjährige tröstet, die ihren Zwillingsbruder verliert.

Von Sarah Ward

Während der schwer kranke Tantra (Ida Bagus Putu Radithya Mahijasena) bewusstlos und sterbend im Krankenhaus liegt, führt seine Schwester Tantri (Thaly Titi Kasih) ihre Beziehung in einem traumähnlichen Reich fort. Wenn die Nacht schwarz und die Welt in Schlaf gesunken ist, treffen sich die Geschwister an einem Ort und in einer Zeit, wo die Belange des Lebens und des Todes keinen Einfluss haben. Eine dringend benötigte Ruhepause von der Trauer, die Tantri nicht anders ausdrücken kann. Es ist ihr ganz eigener Weg, um mit einer schwierigen Situation umzugehen.

DIE KATHARSIS VON KUNST IM LEBEN

Die indonesische Filmemacherin Kamila Andini zeigt besonders eindringlich, wie die Abkehr von der Wirklichkeit – wenn auch nur zeitweise – angesichts eines Traumas helfen kann, insbesondere wenn die Betroffenen die Welt gerade erst kennenlernen. Dieses poetische Konzept setzt die indonesisch- australisch-niederländisch-katarische Koproduktion sensibel und intelligent um. Die ungewöhnlichen und ausdrucksstarken Bilder des Films ergänzen die räsonierende Erzählweise.

Hört man von Realitätsflucht im Kino, so denkt man zunächst an Hollywood-Blockbuster. Aber Realistätsflkucht ist auch ein Motiv, das kluges Jugend-Kino seinen Zuschauern bieten kann und sollte. So lassen sich Themen wie Schmerz, Trennung, Mobbing und Tod besser in Geschichten umsetzen. Australiens Beiträge für das Programm Generation tun genau das: Sie reflektieren Facetten des alltäglichen Lebens sowie des Erwachsenwerdens und bieten eine Form von künstlerischer Karthasis, um zugleich größere Probleme anzusprechen.

AUSTRALISCHE SPEZIALITÄT

Die Macht der Realitätsflucht war schon ein Thema in dem Film Paper Planesaus dem Jahr 2014. Die dicht gewebte Geschichte beschreibt, wie der junge Protagonist sein Hobby zelebriert, um mit dem Tod seiner Mutter und der Trauer des Vaters umgehen zu können. In Girl Asleep flüchtet sich ein junges Mädchen an ihrem ereignisreichen Geburtstag in eine andere Wirklichkeit. Ein rostfarbener Hund wird zum Freund eines einsamen Jungen in Red Dog: True Blue. Und High-School-Außenseiter brechen in EMO the Musical immer wieder unvermittelt in Gesänge aus.

Das australische Kino produziert eine wachsende Zahl an Filmen, die sich mit der Lebenswelt von Jugendlichen beschäftigen. Gezeigt werden sie auf der Berlinale wie auch auf anderen Festivals. Sekala Niskala ist nur das jüngste Beispiel. Die Regisseurin Kamila Andini hat in Melbourne studiert. Mit ihren einfühlsamen und gewinnenden Filmen spricht sie Jung und Alt an. Die indonesische Kultur ist ihr zu weigen, gleichzeitig steht sie für die wachsenden Bedeutung australischen Filmschaffens.

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

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