Gemeinsam leben, gemeinsam sparen

25. Februar 2018

Filmende sind nicht gern gesehen in Kairo. Das weiß jeder, der schon einmal versucht hat, in der Stadt zu drehen. Trotzdem hat sich die libanesische Regisseurin Reem Saleh für ihren Dokumentarfilm  „Al Gami`ya“ in das verrufene Viertel Rod El Farag gewagt.

Die Abneigung gegen Filmaufnahmen in Kairo liegt einerseits an den Medien mit ihren wiederkehrenden Geschichten über angebliche ausländische Verschwörungen, die darauf abzielen, Ägypten zu zerstören. Andererseits besteht sie auch in den Köpfen der Regisseure, die zwar allgemein über die Probleme des Landes berichten, jedoch ohne vor Ort in die Seelen der Menschen vorzudringen.

Dies muss man im Hinterkopf haben, wenn man hört, dass sich ein ausländischer Regisseur zum Filmen in ein Viertel wie Rod El Farag wagt. Es ist eine der ärmsten Quartiere Kairos, bekannt für Kriminalität und Willkürherrschaft, in das sich selbst einige Ägypter nicht hineintrauen. Die libanesische Regisseurin Reem Saleh hat diese Herausforderung jedoch angenommen und in Rod El Farag ihren Dokumentarfilm Al Gami’ya gedreht, den einzigen arabischen Film im Panorama der 68. Berlinale.

EIN DOKUMENT DER ZUNEIGUNG – GEWIDMET DER MUTTER

Die Mutter der Regisseurin stammt aus Rod El Farag. Sie verließ ihre Nachbarschaft, um Reem Salehs libanesischen Vater zu heiraten, doch sie blieb ihrem alten Stadtviertel im Herzen immer treu und übertrug diese Liebe auf ihre Tochter. Der Film endet mit einer Widmung an die Mutter, welche ihr „die Leute des Viertels ans Herz legte, also beschloss sie, der Welt deren Geschichten zu erzählen“. Doch wie lauten diese Geschichten? Und was sind die „Gami’yas“, die dem Film seinen Titel geben?

„Gami’yas“ sind Zusammenschlüsse mehrerer Bewohner eines Viertels und eine Form des Sparens, das arme Menschen in Ägypten gemeinsam praktizieren. Dabei gibt jedes Mitglied der Gemeinschaft täglich einen kleinen Betrag in einen Topf, und jeweils eines der Mitglieder erhält dann die Gesamtsumme – je nach momentaner Bedürftigkeit. Eine einfache und geniale Form sozialer Solidarität.

Diese familienartigen Zusammenschlüsse bilden den Ausgangspunkt, von dem aus Reem Saleh die Geschichten von Rod El Farag sammelt: Geschichten von Solidarität, Würde und Lebensfreude, kontrastiert mit Armut und Not. Die Regisseurin fühlt mit ihren Charakteren mit und zeigt sie aus der Perspektive der Liebenden, nicht der Verurteilenden. Es ist eine Perspektive voller Poesie, die über eine nüchterne Analyse hinausgeht. Reem Saleh gelingt es auf sehr kunstfertige Weise, in der rastlosen und gehetzten Welt der Stadt Momente voller Harmonie einzufangen.

THEMA GENITALBESCHNEIDUNG

Eines der behandelten Themen des Films ist die Genitalbeschneidung von Frauen. So ist beispielsweise ein Mädchen Mitglied eines Zusammenschlusses, weil es Geld für seine eigene Beschneidung sparen möchte – gegen den Willen seines Vaters. Der Film zeichnet ein verstörendes und doch reales Bild dieses schlimmen Brauchs und zeigt, wie tief dieser in manchen kulturellen und sozialen Zusammenhängen verankert ist – so sehr, dass junge Mädchen sich gegen den Willen ihrer Eltern die Genitalbeschneidung wünschen.

Der Film spricht sich selbstverständlich nicht für den Brauch aus, so wie er generell für nichts wirbt. Er versucht lediglich, die Lebenswirklichkeiten der einfachen Bewohner des Stadtviertels zu durchdringen. Es sind Menschen, kein Forschungsmaterial, mit einem eigenen Wertesystem, das auch fehlerhaft sein oder fatale Folgen haben kann. Doch insgesamt überwiegt die Aufrichtigkeit der Gefühle, die in unserem modernen Leben so häufig fehlt. Dass Reem Saleh uns Zugang zu einer Welt verschafft, die normalerweise nicht betreten werden kann, darin liegt die große Leistung ihres Films, der es bis auf die Berlinale geschafft hat.

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

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