Das Leben als Einöde – „An Elephant Sitting Still“

25. Februar 2018

An „Elephant Sitting Still“ (大象席地而坐) ist der Debütfilm von Hu Bo. Der junge Autor und Regisseur setzte seinem Leben am 12. Oktober 2017 im Treppenaufgang seines Wohnhauses im Alter von 29 Jahren ein Ende.

Von Yun-hua Chen

Hu Bo, auch unter seinem Schriftstellerpseudonym Hu Qian bekannt beginnt seinen Film mit einem Off-Sprecher, der die Geschichte eines Elefanten erzählt. Dieser sitzt im Zoo in seinem Tiergehege und steht nie auf. Der Film endet vier Stunden später mit dem Off-Trompeten eines Elefanten. Diesen Elefanten sehen wir nicht, stattdessen werden uns Menschen vorgeführt, die banale Alltagskämpfe ausfechten und im Spiel um Geld und Macht gefangen sind wie ein Hamster im Rad.

Vermutlich leben sie in einer mittelgroßen Stadt in Nordchina. Anfangs stehen sie nicht miteinander in Verbindung, doch ihre Wege kreuzen sich allmählich und werden zum Schaubild einer trostlosen Gesellschaft verknüpft. Schüler wachsen in einem Zuhause ohne Liebe auf, in der Schule werden sie gemobbt. Der Schulhofschläger hat einen Gangster-Bruder, der wiederum eine Affäre mit der Frau seines besten Freundes hat. Der Lehrer bezahlt für seine Tochter das Dreifache des üblichen Preises für eine kleine Wohnung in einem guten Schulbezirk, gleichzeitig will er seinen Vater in ein Altersheim verfrachten. Auf der Straße begegnen all diese Personen einer raubeinigen Frau, die voller Sorge einen entlaufenen weißen Hund sucht.

Zorn, Frustration, Verwirrtheit, Enttäuschung, derbe Sprache, Drohungen, Flüche, Spott und Geschrei durchziehen den gesamten Film. Den Protagonisten wird entweder übel mitgespielt oder sie fürchten sich genau davor, weshalb sie lieber andere zuerst über den Tisch ziehen. Wegen der Intensität der Emotionen, der theatralischen Art und Dramatik läuft der Film Gefahr, zu einer kitschigen Seifenoper zu verkommen, wäre er nicht so einfühlsam und detailreich und besäße er nicht so eine poetische Atmosphäre und flüssige Bildsprache.

Die graue Tonalität und der Bildstil erinnern mich an den chinesischen Filmemacher Lou Ye, der mit Blind Massage (盲人按摩) im Wettbewerb der Berlinale 2014 vertreten war. Das Gefühl der Einsamkeit zieht sich bis in den Soundtrack mit dem sentimentalen Gitarrensolo. Und dennoch will der Film Hu Bos gleichnamiger Erzählung entsprechen, die früher als der Film veröffentlicht wurde und die mit einer Sprache glänzt, die voller freier Assoziationen und schöner surrealer Elemente ist und Raum für die Vorstellungskraft lässt. Das zeichnete auch seine anderen literarischen Werke wie Fissures (大裂) und Bullfrog (牛蛙) aus. Leider bietet der Film nicht ganz die Magie der ursprünglichen Geschichte, weil er sich am Realismus versucht und sich allzu sehr auf ziemlich sperrige, steife Dialoge verlässt.

DIE ALLGEGENWÄRTIGKEIT DES TODES

Der Tod ist im Film allgegenwärtig, der ein düsterer, wenn auch kein Film noir ist. In Hu Bos Filmkosmos sterben die Menschen alt und einsam, sie springen vom Balkon, stürzen die Treppe hinunter oder werden erschossen. Wir werden sogar Zeuge, wie ein Hund von anderen Hunden zu Tode gebissen wird. In einer bewusst grotesken Weise erscheint der Tod ebenso banal wie einer jener endlosen verregneten und kühlen Tage im Film, den man leicht mit einem Achselzucken abtun kann. Diejenigen, die dem Tod begegnen, bleiben davon unberührt und geben sich unbekümmert; einige von ihnen sind zu beschäftigt, sich zu rächen oder vor den Rächern zu fliehen, andere wollen einfach Videos posten oder sich weiter auf WeChat unterhalten.

Das Gefühl des Profanen angesichts des Todes ist ziemlich verstörend, aber der Film ist keineswegs nihilistisch. Ganz am Ende nimmt ein Grüppchen desillusionierter Menschen den Bus nach Shenyang, um den Elefanten im Zoo von Manjur beim Stillsitzen zuzusehen. Als der Bus eine kurze Pause einlegt, fängt die Kamera sie in der Totale in einer relativ langen Einstellung ein, wie sie im Licht der Scheinwerfer vor dem Bus eine Partie jianzi (chinesische Version von Federball) spielen. An dieser Stelle hört man das Trompeten des Elefanten, das irgendwo tief aus der Dunkelheit kommt.

Der Mythos eines Elefanten, der rätselhafterweise einfach nur still dasitzt, verkörpert die Hoffnung der Protagonisten auf einen Ausweg und ihre Sehnsucht nach einem anderen Ort. Das Trompeten durchschneidet die Nacht wie zartes Grün, das in der „Einöde“ blüht. Mit diesem Wort beschreibt Hu gern das Leben, sowohl im Film als auch in seiner Erzählung Risse: „Ich dachte darüber nach, warum ich dort war und in der Einöde nach Wegen suchte, die ich einschlagen kann. Und ich bin überzeugt, dass es mehr ist als nur die Enttäuschung über die Gegenwart.“

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

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