Nur vorwärts, nicht zurück

Der syrisch-palästinensische Autor Ramy al-Asheq über eine Frage, die ihm in Deutschland häufig gestellt wird.

Mir scheint, dass vieler unserer deutschen Freunde großen Anteil am Heimweh von uns Flüchtlingen nehmen. Es vergeht kaum ein Festival, eine Lesung oder eine Diskussionsrunde, ohne dass ich gefragt werde: „Denken Sie daran, irgendwann wieder in Ihre Heimat zurückzukehren?“ oder: „Wann gehen Sie in Ihr Land zurück?“ Solche Fragen bedeuten nicht zwangsläufig, dass der Fragesteller uns nicht mag oder ein Parteigänger der AfD ist, der will, dass wir alle dahin zurückgehen, wo wir herkommen. Es kann sein, dass jemand aus echter Sympathie für uns so fragt. Aber trotzdem wundert es mich, dass diese Frage immer wieder kommt, und ich bin mir nicht sicher, ob ich sie überhaupt beantworten muss.

Als ein Mensch, der in Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten als Sohn eines Flüchtlings geboren wurde und dann als Flüchtling in Damaskus lebte, der von dort nach Amman und dann nach Köln flüchten musste, der von dort nach Berlin weiterfloh und der wer weiß noch wohin wird weiterziehen müssen in seinem Leben, finde ich diese Frage nicht nur unerheblich, sondern oft auch ärgerlich. Vielleicht weil ich aus einer Kultur komme, wo man solche Fragen nur an einen Gast stellt, den man ungern beherbergt. Wenn also Deutschland das Haus eines Gastgebers wäre und wir Flüchtlinge wären die Gäste, dann würden wir die Frage nach unserer Heimkehr als einen höflichen Hinweis verstehen, dass wir unerwünscht sind.

Aber ich glaube, dass solche Erkundigungen nach meiner Rückkehr gar nicht persönlich gemeint sind, sondern auf uns Syrer und Flüchtlinge im Allgemeinen zielen. Deshalb lohnt es sich vielleicht, unseren deutschen Freunden gegenüber ein paar grundlegende Dinge klarzustellen – auch wenn man annehmen könnte, sie seien mittlerweile, nach mehr als sechs Jahren Krieg in Syrien, selbstverständlich.

    1. Wir Flüchtlinge sind nicht gekommen, um hier Urlaub zu machen, und auch nicht, um Ihnen eine neue Kultur zu bringen oder Sie zu einer neuen Religion zu bekehren. Auch ist es nicht unser Ziel, von Ihren Steuergeldern zu leben. Vielmehr hatten wir keine andere Wahl. Wir wurden aus unseren Häusern vertrieben und haben unsere Freunde sterben sehen, manche haben ihre Familien verloren, ihre Kinder, ihre Erinnerungen, die Orte ihrer Kindheit, ihre Arbeit und einen Ort, an dem sie sich in einer Sprache ausdrücken konnten, die sie beherrschen. Wir sind geflohen, um Schutz zu finden.

 

    1. Wir wurden nicht als Flüchtlinge geboren, und wir sind nicht vor einem Erdbeben oder einem Vulkanausbruch davongelaufen. Wir sind geflohen und haben alles verloren, weil ein Diktator namens Bashar al-Assad sein eigenes Volk vernichtet und zusammen mit seinen Unterstützern Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt, während die „zivilisierte Welt“ und ihre Medien eine Normalisierung der Beziehungen mit diesem Verbrecher praktizieren, ohne dabei an die Millionen Syrer zu denken, die durch ihn getötet oder vertrieben wurden. Solange die Ursache weiterbesteht, wird auch das Ergebnis Bestand haben. Und die Ursache ist ein Kriegsverbrecher, der alle Formen von Staatsterror gegen sein Volk anwendet, und der alle Waffen, derer er habhaft werden kann, im eigenen Land einsetzt: von russischen Gewehren, Kampfflugzeugen und Panzern bis hin zu selbstgebauten Fassbomben und von deutschen Produzenten erworbenen Chemiewaffen.

 

  1. Ohne Gerechtigkeit kann es keinen Frieden geben, und ohne ein Abtreten und eine gerichtliche Verurteilung Assads wird es kein sicheres Syrien geben. Und ohne Frieden, Sicherheit und Freiheit werden die Flüchtlinge nicht in ihr Land zurückkehren, im Gegenteil: Es werden immer mehr kommen. Ein Ergebnis lässt sich nicht verändern, wenn die Ursachen bestehen bleiben.

Damit ist die Frage nach der Rückkehr der Syrer hoffentlich beantwortet. Für mich persönlich möchte ich noch sagen, dass ich das Wort Rückkehr nur ungern verwende. Ich gehe nur ungern irgendwohin zurück, und ich blicke nicht gern in die Vergangenheit. Für mich gibt es nur eine Richtung, und die ist vorwärts. Ich habe Damaskus nicht hinter mir gelassen, sondern ich wünsche mir, Damaskus in nicht zu ferner Zukunft wieder vor mir zu sehen, so dass ich dorthin gehen kann. Aber „zurück“ nach Damaskus möchte ich nicht.

Übersetzung: Günther Orth

Ramy al-Asheq ist ein syrisch-palästinensischer Lyriker, Schriftsteller und Journalist. Er wurde 1989 in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren und wuchs in Damaskus auf. 2014 kam er mit einem Autorenstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung nach Deutschland.

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