Die Uni und die Stadt

Offene Türen: Studierende vor dem Hauptgebäude der RWTH Aachen, Foto: dpa

In meinem letzten Beitrag hatte ich über die spürbare Präsenz der Wissenschaft im Leben in Deutschland geschrieben. Diesmal möchte ich näher darauf eingehen, wie die Wissenschaft das alltägliche Leben prägt.

Meine Universität in Ankara, an der ich mein Bachelorstudium abschloss, befindet sich auf einem Campusgelände in der Natur, quasi mitten in einem kleinen Wald am Rande der Stadt. Alle Einrichtungen der Universität, die Hörsäle, die Büros von Professoren, die Sportanlagen und die Studentenwohnheime sind auf dem Campus leicht zu erreichen. Mit dem Wort ‚leicht‘ meine ich, dass man als Student studieren und leben kann, ohne sich mit dem alltäglichen Eiltempo der Stadt und der Gesellschaft beschäftigen zu müssen.

Dazu kommt die Tatsache, dass nur die Studierenden und die Beschäftigten der Universität den Campus betreten dürfen. Die Ausnahmen sind die Gäste oder die Personen, die einen Bibliotheksausweis haben. Die Eingangstore werden rund um die Uhr kontrolliert, um nur die Personen mit entsprechenden Uni- oder Eintrittskarten reinzulassen. Mit anderen Worten: Durch ihre Tore ist die Universität in der Regel von den Bewohnern der Stadt abgegrenzt. Dies führt natürlich zu einem anderen, freieren Leben auf dem Campus als das Leben in der Stadt, was auch ich während meines Studiums gut fand – wie viele andere Kommilitonen. Mit diesem Hintergrund und der Vorstellung der Universität bin ich nach Aachen gekommen.

Marktplatz im Herzen Aachens

Marktplatz im Herzen Aachens

Als ich in Aachen mit meinem Studium anfing, stieß ich auf eine ganz andere Umgebung als in Ankara. Ich hatte zwar gehört, dass es keinen richtigen Campus gibt, wo sich alle Uni-Einrichtungen in enger Nähe befinden. Ich habe es aber wirklich bemerkt, als ich mich oft in der Woche zwischen Vorlesungen in der Stadt beeilen musste, um den nächsten Termin zu erwischen. Das gefiel mir damals nicht, weil es nicht praktisch und so leicht wie auf dem Campus in Ankara war. Ich halte meinen Standpunkt noch heute, was diesen Aspekt angeht.

Auf der anderen Seite denke ich nun mehr an einen anderen Aspekt, nämlich die Rolle der Universität in der Stadt und der Gesellschaft. Die Uni in Aachen hat keine Grenze und ist überall präsent. Die Studierenden sind in der Stadt – und deren Einwohner, die Senioren, die Kinder und alle anderen sind in Kontakt mit der Universität und der Wissenschaft. Das gefällt mir sehr. Es ist genauso in vielen anderen Städten in Deutschland, zum Beispiel in Berlin, Köln usw. Es gibt auch Universitäten in Deutschland, die über sehr schöne und kompakte Campus verfügen. Bei diesen Universitäten gibt es aber auch keine Zugangskontrolle, die Hochschulgelände sind offen für die Bewohner der Städte. Bespiele, die mir einfallen, sind die TU Dortmund und die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Wenn ich mich nochmal an die Situation in Ankara erinnere, die ich oben beschrieben habe, dann neige ich zu überlegen, was dieser Unterschied genau bedeutet für das Leben, die Kultur und die Wissenschaft in der Türkei und in Deutschland. Das wäre vielleicht das Thema für einen längeren Artikel. Aber, lange Rede, kurzer Sinn: Obwohl ich die Tage in Ankara auf einem der schönsten Campus der Welt nie vergessen werde, bin ich für eine Universität, die sich nicht mit Wänden oder Ähnlichem von dem Alltag und den Bewohnern der Stadt abgegrenzt, sondern, ganz im Gegenteil, in höchstmöglicher Harmonie und Austausch mit dem Leben in der Stadt ist.

RWTH Aachen

About

Nach dem Bachelorstudium an der METU in der Türkei habe ich von 2011 bis 2014 das Masterstudium in Nachrichtentechnik an der RWTH Aachen abgeschlossen. Damals war ich DAAD-Stipendiat. Nun arbeite ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Theoretische Informationstechnik an der RWTH Aachen. Ich beschäftige mich mit der Integration der Kommunikationstechnologien in intelligente Energienetze.

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