Flüchtlingsstopp

16. September 2014

Tagebuch des Christian Bürger, Folge 8

30. September 1989

„Eine Lösung muss her. Wenn wir noch eine Woche länger hier sind, wenn nur eine Handvoll mehr Flüchtlinge kommen, dann fürchte ich, dass bald das absolute Chaos ausbricht. Bisher sind wir von einem Krankheitsausbruch verschont worden. Aber wie lange noch? Die hygienischen Bedingungen spotten jeder Beschreibung. Permanent stehen wir dicht an dicht, niemand ist gewaschen. Zu allem Überfluss muss ich immer wieder Interviews im Namen der Flüchtlinge geben und Statusmeldungen für westliche Fernsehsender durchsagen. Immer dieselben Fragen, immer freundlich und gut gelaunt bleiben, niemals erschöpft oder wütend wirken. Letzten Samstag habe ich die letzten Flüchtlinge registriert. Auf dem Weg zu Herrn Weber habe ich es kaum durch die Menschenmassen geschafft. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich in der Botschaft eine ausgeprägte Klaustrophobie entwickeln sollte.

„Der Moment, auf den wir seit Monaten warten, wird heute kommen. Genscher wird unsere Hoffnungen erfüllen. Oder sie zerstören.“

Als ich Herrn Weber die Tagesbelege gab, sagte ich, dass es absolut keinen Zweck mehr hätte, noch irgendjemanden zu registrieren. Ich wäre mir nicht einmal sicher, ob überhaupt jeder registriert sei. Denn spätestens seit ich den 4000. Flüchtling aufgenommen habe, habe ich die Übersicht verloren, wer überhaupt alles hier ist, wen ich schon aufgeschrieben habe, wer neu hinzugekommen ist. Ich rechnete damit, dass Weber meine Bedenken beiseiteschieben und die bisher gültige Parole von Botschafter Huber wiederholen würde: „Und wenn wir 6000 aufnehmen müssen, dann ist es eben so.“ Stattdessen klopfte mir Weber auf die Schulter, nickte mir leicht zu und sagte nur: „Na, dann mach dein Büro zu.“ Er signalisierte vollstes Verständnis und wusste, dass ich nicht über einen Flüchtlingsstopp nachdenken würde, wenn ich nicht wirklich ernsthafte Gefahren für die Sicherheit der Menschen in der Botschaft sehen würde.

Videotagebuch Folge 8
FLÜCHTLINGSSTOPP

Bevor wir uns verabschiedeten, bat ich ihn, mir ein Megafon zu besorgen. Anders habe ich keine Chance mehr, mir in der Menschenmenge Gehör zu verschaffen. Heute Morgen war ich wieder bei Weber. „Wie schaut es denn aus mit meinem Megafon?“ Weber blickt zu mir auf. Seine Augen sind irgendwie glasig. So als würde er mich gar nicht richtig wahrnehmen. Er sieht durch mich hindurch, als er antwortet: „Das brauchst du nicht mehr.“ – „Wie? Das brauche ich nicht mehr? Hier sind tausende Menschen! Was, wenn dringend einer Hilfe braucht, wenn ich etwas wichtiges…“ Weber unterbricht mich völlig unvermittelt. „Genscher kommt heute“, sagt er. Ich kann zunächst nicht zuordnen, was er da gesagt hat. Genscher? Warum sollte der zu uns kommen? „Wie? Genscher kommt heute?“ Erst als ich diese Frage ausgesprochen habe, wird mir klar, was Weber mir da eigentlich gesagt hat. Der Moment, auf den wir seit Monaten warten, wird heute kommen. Genscher wird unsere Hoffnungen erfüllen. Oder sie zerstören.

„Umsonst kommt der jedenfalls nicht her“, sagte Weber noch, bevor ich sein Büro verließ. Als ich mich durch die Massen schob, fragten nicht wenige, ob alles mit mir in Ordnung sei. Ich antwortete nicht. Was weiß ich, ob alles in Ordnung ist? Entweder ist alles in Ordnung oder nichts. Das werden wir heute Nachmittag wohl erfahren. Es fällt mir schwer, das zu schreiben. Denn meine Hand zittert vor Aufregung.“


ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Manuela Beckmann, DDR Flüchtling

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Manuela Beckmann entschied sich aus der DDR zu fliehen, als auch ihr zweiter Versuch ein Visum zu bekommen scheiterte. Sie schaffte es mit ihrem Freund in die Prager Botschaft und saß schließlich in einem der Züge, die durch die DDR in den Westen fuhren. Die Strecke führte zufällig genau an ihrem Elternhaus vorbei. Als sie aus dem Fenster schaute, sah sie ihren Vater mit einem Regenschirm auf dem Feld stehen. Er wusste, dass seine Tochter in einem der Züge sitzen musste. Zum ersten Mal sah sich die Familie Weihnachten 1989 wieder. Heute ist Frau Beckmann Vertriebsleiterin und lebt mit ihrer Familie in Eckental.

Deutsche Botschaft in Prag
Christian Bürger floh im Juni 1989 in die Bundesdeutsche Botschaft in Prag. Er half der Botschaftsleitung bei der Organisation und Erfassung der Flüchtlinge. Er verbrachte nach der Ankunft in Hof ein paar Jahre in Dingolfing und arbeitete in der Gastronomie. Heute lebt er wieder in Chemnitz.