Das historische Ereignis

18. September 2014

Tagebuch des Christian Bürger, Folge 9

30. September 1989

„Im Sommer 1968 „durfte“ ich ein historisches Ereignis miterleben: Den Prager Frühling. Die Russen marschierten in die Tschechei ein und unsere ganze Klasse wurde an die Dresdener Straße im Chemnitz gekarrt, um den russischen Panzern zu winken. Ein gruseliges Ereignis: Die betankten die Panzer, Sprit floss über die Straßen und ich hätte am liebsten das Benzin mit einem Eimer geschöpft. Was für eine Verschwendung! Ein Jahr später: Die Mondlandung. Ich bekam nichts davon mit. In den DDR-Medien wurde das Ereignis komplett verschwiegen. In der Schule haben wir am nächsten Tag darüber gesprochen, ohne dass es uns besonders begeistert hätte. Man sieht: Ein Ereignis wird nur als so spektakulär empfunden, wie es das System will.

Heute war ich selbst bei einem historischen Ereignis dabei. Eines, das das DDR-System nicht gewollt hat. Es war der emotionalste Moment meines Lebens. Dass er historisch ist, haben wir in jeder Sekunde gespürt. Niemand konnte diesen Augenblick für uns verfälschen. Und niemand wird ihn uns jemals wieder nehmen können. Egal, ob sich in der Geschichte jemals daran erinnert werden wird, wie Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon des Palais Labkowitz trat: Für alle Flüchtlinge, die über Wochen und Monate in der deutschen Botschaft in Prag ausgeharrt hatten, wird dieser Moment für immer historisch sein.

„Es gibt nichts Erhebenderes, nichts Ergreifenderes, nichts Schöneres, als wenn 4000 Kehlen ,Freiheit’ schreien.“

Genscher, Außenminister der BRD, kam heute, am 30. September um etwa 17 Uhr an der Botschaft an. Hinter ihm lagen harte Verhandlungen: In New York hatte Genscher hartnäckig mit dem DDR-Außenminister Oskar Fischer verhandelt. Herr Huber begrüßte Genscher am Tor und eskortierte ihn in die Botschaft. Ich durfte hinterhergehen bis in einen Nebenraum des Kuppelsaals, wo Genscher uns das Ergebnis der Verhandlungen berichtete: Fischer hatte komplett abgeblockt. „Es gibt kein Weg, dass die Flüchtlinge ausreisen dürfen“, zitierte Genscher ihn – und mir rutschte das Herz in die Hose.

Doch Genscher war noch nicht fertig. Er erzählte, dass Fischer die Rechnung ohne den Sowjet-Außenminister Eduard Schewardnadse gemacht hatte. Der merkte an, dass Honecker die Direktive ausgegeben hatte, dass bis zum 7. Oktober, zum Jahrestag der Republik, das „Problem Prag“ vom Tisch sein sollte. „Sind Kinder unter den Flüchtlingen?“ fragte Schewardnadse. Genscher nickte. „Viele Kinder.“ Daraufhin hat Schewardnadse gesagt: „Dann helfe ich dir, dann machen wir das.“ Und dann hat er sich mit Fischer verständigt – und die Sache war vom Tisch. Und darum war Genscher jetzt hier.

Videotagebuch Folge 9
DAS HISTORISCHE EREIGNIS


Das Megafon, das Weber mir am Tag zuvor nicht geben wollte, bekam nun Genscher. Es wurde auf dem Balkon des Palais zusammen mit einem kleinen Scheinwerfer installiert, bevor sie alle rausgetreten sind. Ich stand mit Weber in der Tür zum Balkon. Es war gigantisch. Die Menge war natürlich durch die Ankunft Genschers angeheizt worden. Sprechchöre schallten zu uns hoch. „Genscher, Genscher“, „Freiheit, Freiheit.“ Es gibt nichts Erhebenderes, nichts Ergreifenderes, nichts Schöneres, als wenn 4000 Kehlen „Freiheit“ schreien. Das haben sie in ganz Prag gehört, da bin ich mir sicher.

Dann trat Genscher ans Megafon. Mein ganzer Körper war wie elektrisiert – und ist es noch, wenn ich daran denke. Tränen schossen mir in die Augen noch ehe Genscher etwas gesagt hatte. Ich sah nicht nur einen Politiker, der auf einem Balkon stand. Ich sah zum ersten Mal ganz konkret das Ziel vor Augen. Die Lösung meines Problems, aus der DDR herauszukommen, war zum ersten Mal greifbar! Ich spürte: Es ist geschafft! Wir haben zusammengehalten, wir haben gelitten und gekämpft und jetzt haben wir es den Bonzen gezeigt. Jetzt sind wir durch. „Liebe Landsleute“, sagte Genscher. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Ich schrie auf bei diesem Wort. Genau wie alle anderen 4000 Flüchtlinge. Wir weinten, grölten, jubelten und fielen uns in die Arme. Es war wirklich wahr! Wir bekamen die offizielle Erlaubnis, in die Bundesrepublik Deutschland auszureisen!

Doch es gibt einen Haken. Während ich diesen Text schreibe, sitze ich in einem Zug Richtung BRD. Doch dieser Zug fährt durch das Territorium der DDR. Das ist die Bedingung, die die Regierung an die BRD gestellt hat. Ist dies nur ein Trick? Werden wir sicher ankommen? Ich weiß es nicht. Mein Gefühl sagt mir, dass wir Genscher vertrauen können. Aber sicher, dass wir in der BRD ankommen, bin ich nicht. Er wurde kurz ausgebuht, als er auf dem Balkon verkündete, dass wir durch die DDR fahren müssen, doch jeder Flüchtling ist in einen Zug gestiegen. Eine nervenaufreibende Reise steht uns bevor. Unsere letzte Prüfung.“

Deutsche Botschaft in Prag
Christian Bürger floh im Juni 1989 in die Bundesdeutsche Botschaft in Prag. Er half der Botschaftsleitung bei der Organisation und Erfassung der Flüchtlinge. Er verbrachte nach der Ankunft in Hof ein paar Jahre in Dingolfing und arbeitete in der Gastronomie. Heute lebt er wieder in Chemnitz.

Leave a Reply

Your feedback is valuable for us. Your email will not be published.

Please Wait...