Tagebuch des Christian Bürger, Folge 11

GEISTER-BAHNHÖFE

24. Juli 1990

Geister-Bahnhöfe

e1-buerger

„Als ich die Botschaft verließ, fragte Herr Weber mich zum Abschied, ob ich gleich einen der ersten Züge nehmen würde. „Der Kapitän verlässt als Letzter das Schiff“, antwortete ich scherzhaft. Aber tatsächlich bin ich erst mit dem letzten Zug ausgereist.

Gegen die Enge, die wir gewohnt waren, kam uns die Enge im Zug geradezu kuschelig vor. Natürlich hatte nicht jeder einen Sitzplatz. Viele mussten stehen, einige saßen auf der Toilette oder im Gang. Aber das konnte uns natürlich nicht stören. Ich könnte nicht einmal mehr sagen, ob es warm oder kalt, dunkel oder hell im Zug war. Das war absolut zweitrangig und ich habe auf die profanen Dinge einfach überhaupt nicht geachtet, so dass ich mich jetzt auch nicht mehr daran erinnern kann. Alle achteten nur gespannt darauf, ob der Zug sich endlich in Bewegung setzt. Ob nicht doch etwas dazwischen kommen würde und wir wieder aussteigen müssten.

Als es dann tatsächlich losging, brandete wieder Jubel auf. Ein kurzer Jubel, wenn ich mich recht erinnere. Denn die Fahrt führte zurück in die DDR. Und in diesem Staat war keinem von uns zum Jubeln zumute. Ich weiß noch, wie mich beklemmendes Unbehagen überkam, als wir die Grenze in Karl-Marx-Stadt einfuhren. Plötzlich war diese Angst wieder da, die ich in der DDR permanent gespürt hatte. Sie schien hier überall zu lauern. In Karl-Marx-Stadt hielt der Zug am Bahnhof an – und zwar mittendrin auf dem mittleren Gleis. Eine gespenstische Szenerie umgab uns. Ich merkte, dass alle um mich herum die gleiche Beklemmung spürten wie ich. Uns wurde Angst und Bange, denn auf dem gesamtem Bahnhof und auch auf dem Vorfeld war nicht eine Menschenseele zu sehen – nicht eine. Ständig rasten die Gedanken im Kopf: Holen sie uns raus? Warum halten wir an?

„Die Fahrt führte zurück in die DDR. Plötzlich war diese Angst wieder da, die ich in der DDR permanent gespürt hatte. Sie schien hier überall zu lauern.“

Jetzt ist ein leerer Bahnhof an sich schon sehr gespenstisch. Wenn man aber auf der Flucht ist und Angst hat, dass jederzeit etwas Unvorhergesehenes passieren kann, dann wirkt er nicht nur gespenstisch sondern regelrecht bedrohlich. Hinzukommt, dass wir alle in den letzten Monaten Tag für Tag und Nacht für Nacht von unzähligen Menschen umringt gewesen waren. Jetzt aus dem Fenster zu schauen und einfach niemanden zu sehen wirkte für uns noch befremdlicher und surrealer als es ohnehin schon war.

Videotagebuch Folge 11

GEISTER-BAHNHÖFE

Und dann war da dieses erhöhte Büro, von wo aus der Bahnverkehr geregelt wird. Ich schaute hoch und sah plötzlich über dem Milchglas zwei Augenpaare. Keine Menschenseele zu sehen. Nur diese beiden Augenpaare hinter Milchglas, die auf uns gerichtet waren. Es schienen die Augen des gesamten Systems zu sein – sie hätten nicht gruseliger sein können.

Dieses Horrorszenario wiederholte sich an allen Bahnhöfen, durch die wir fuhren. Man könnte meinen, wir hätten uns im Laufe der Fahrt daran gewöhnt, aber so war es nicht. Mit jedem Bahnhof wurde die Beklemmung eher größer. Denn da spukten uns allen schon die Fragen durch den Kopf: „Was haben die vor? Was passiert hier noch?“

Ich habe später erfahren, dass die anderen Züge oft von Menschen mit Transparenten oder winkenden Passanten gegrüßt wurden. Aber wir war der letzte von vier Zügen – und da war das System am besten vorbereitet. Die wollten, dass unsere Zugfahrt so unangenehm wie möglich ist.“

ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Michael Fleischman, DDR Flüchtling

e11-fleischmann

Michael Fleischmans Flucht in die Botschaft wurde zur Bildikone. Er hing am Botschaftszaun, während Polizisten versuchten ihn vom Zaun zu zerren. Seine Motivation: Er wollte bei seiner Tochter sein, die mit ihrer Mutter bereits im Westen war.

Deutsche Botschaft in Prag