Tagebuch des Christian Bürger, Folge 1

FLUCHTVERSUCHE

12. Juni 1989

Fluchtversuche

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„Dies ist mein erster oder mein letzter Tagebucheintrag. Denn entweder bin ich morgen tot oder ich habe den ersten Schritt in ein neues Leben geschafft. Ein Leben, in dem ich nicht mehr nachts wachliegen werde, weil mich die Gewissheit umklammert, dass alles um mich herum falsch ist.

Ich vergesse nie das beklemmende Gefühl in meiner Magengrube. Als würde in mir eine giftige Pille zerplatzen und im Bruchteil einer Sekunde meinen Körper lähmen. Stocksteif stehe ich in meiner Wohnung, ich halte das Dokument umklammert, doch mein Blick ist aufs Fenster gerichtet. In dem Brief der Behörde steht, dass mein Ausreiseantrag abgelehnt wurde. Und mir wird zum ersten Mal in aller Klarheit deutlich, dass ich in dem Land hinter dem Fenster nie wieder Frieden finden werde.

„Das könnte meine letzte Chance sein, das Land zu verlassen. Deswegen werde ich es diesmal schaffen oder tot sein.”

Das war 1984. Fünf Jahre lang hat seitdem das Gift in meinem Körper gewirkt. Doch es lähmt mich nicht mehr. Es hat sich in eine unbezwingbare Wut verwandelt, die ich in meinen Adern spüren kann. Und die sie mir auch nicht haben nehmen können. Das haben sie versucht. Mit Drohungen, mit Folter, mit Gefangenschaft. Ich weiß nicht, wie oft mir die Frage gestellt wurde, warum ich das Land verlassen will. Jedes Mal habe ich allen Ärger runtergeschluckt und mit antrainiert freundlicher Stimme erzählt, dass ich meine Verwandten in der Bundesrepublik, vielleicht auch die in Amerika besuchen will. Doch trotz endloser Anhörungen – oder vielleicht auch genau deswegen – wurden auch die folgenden zwei Ausreiseanträge abgelehnt.

Videotagebuch Folge 1

FLUCHTVERSUCHE

1986 wollte ich zum ersten Mal rüber machen. Doch ein Freund hat mich verraten. Ich bin ihm nicht einmal böse. Mein Hass sagt mir, dass alles Schlechte aus dem System kommt. Das System hat ihn mürbe gemacht. Das hat es in der U-Haft auch mit mir versucht. Doch sie haben es nicht geschafft. Jede Minute Schlafentzug, jeder Schlag, jede gebrüllte Silbe hat meinen Hass nur angefacht. Schließlich mussten sie mich gehen lassen. Im Frühsommer 1987 brauchte Honecker dringend Geld und hat den Bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß um ein Darlehn in einer Höhe von einer Milliarde Mark gebeten. Strauß hat zugestimmt unter der Bedingung, dass die DDR eine Amnestie für politische Gefangene macht. Das war natürlich zum einen ein positiver Schritt, denn die DDR musste zum ersten Mal zugestehen, dass sie politische Gefangene hat. Für mich war es ein Debakel. Ich musste jede Hoffnung, dass man mich aus der DDR abschieben könnte, aufgeben.

Jetzt, zwei Jahre später, bin ich in meinem „letzten Bewährungsjahr”. Meinen Ausweis haben sie mir genommen. Das „PM-12”, eine Legitimationsbescheinigung, ist kein Ersatz sondern ein Kainsmal, das mich als Verräter ausweist. Im Frühjahr habe ich eine Freundin in den Westen verabschiedet. Sie hat eine Ausreisegenehmigung bekommen. Ich werde niemals eine kriegen. Doch in Prag sollen sich Flüchtlinge in der Prager Botschaft der Bundesrepublik versammelt haben. Es heißt, es wird verhandelt, sie ausreisen zu lassen. Das könnte meine letzte Chance sein, das Land zu verlassen. Deswegen werde ich es diesmal schaffen oder tot sein. Mein Name ist Christian Bürger. Dies ist mein letzter oder mein erster Tagebucheintrag.“

ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Jens Rohde, DDR Flüchtling

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Jens Rohde sprang gemeinsam mit seinen Freunden Jörg und Ronny auf den Zug in den Westen auf. Den Entschluss hatten sie kurz zuvor in einer Reichenbacher Disko gefällt. Jens Rohde musste feststellen, dass er im Westen beruflich keinen Fuß fassen kann. Seine Erwartungen von einem Leben in der Bundesrepublik wurden nicht erfüllt. Er entschloss sich daher nach kurzer Zeit zurückzukehren. Heute lebt und arbeitet er wieder in Reichenbach.

Deutsche Botschaft in Prag