Tagebuch des Christian Bürger, Folge 13

ANKUNFT IM WESTEN

14. August 1990

Ankunft im Westen

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„Kaum hatten die vier Stasi-Offiziere unseren Zug verlassen, rollte eine Welle des Übermuts durch alle Abteile. Einige Menschen öffneten die Fenster und schmissen den Eisenbahnern und den Grenzern ihr Geld entgegen – „Kauft euch ’ne Wurst!“ rief einer. Oder: „Das brauchen wir jetzt auch nicht mehr!“

Es waren nur noch wenige Kilometer bis über die Grenzen. Doch noch hatten wir es nicht geschafft. Wir waren immer noch auf DDR-Territorium. Ich hatte Angst, dass uns der Übermut in letzter Sekunde noch den Hals kosten würde. Doch dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung und alle Angst war verflogen. „Jetzt liegt nur noch ein bisschen Niemandsland vor mir“, dachte ich. „Dann ist es geschafft…“ Und tatsächlich hatte ich das Gefühl, dass kaum ein paar Minuten vergangen waren, bis ich dieses Schild sah, das verkündete, dass wir das bayerische Staatsgebiet erreicht hatten. Und dann waren wir da! Am Bahnhof im bayerischen Hof.

„Es war ein unglaublich herzlicher Empfang. Ich fühlte mich wie ein Fußballweltmeister, der nach Hause kommt. Ja, ich fühlte in diesem Moment, dass hier mein Zuhause war. Und sein sollte.“

Mein Atem wurde schwer. Mir wurde schummrig zu Mute. Das Zischen der Türen, die sich öffneten, kam mir unendlich laut vor. Wie im Kino sah ich Menschen zu, die aus dem Zug sprangen und sich auf die Erde des Bahnhofs in der fränkischen Stadt Hof warfen. Es dauerte ein paar Sekunden bis ich realisiert hatte, dass ich diese Menschen keineswegs auf einer Leinwand sah. Nein, ich sah durch das Fenster meines Abteils. Und ich konnte selbst einer von ihnen sein!

Ich stand auf und gliederte mich gleich in die Schlange der Menschen ein, die nach draußen strömten. Ach was, ich „gliederte mich nicht ein“ – ich wurde mitgerissen, kaum dass ich aufgestanden war. Und dann stolperte ich in die Freiheit hinaus, fiel beinahe auf den Boden und küsste ihn. Das klingt jetzt sicher wieder albern, pathetisch oder sonst wie komisch: Aber in diesem Moment hatte ich wirklich das Bedürfnis die Freiheit zu küssen! Und die wurde absurderweise in diesem Moment nun mal durch einen Bahnsteig in einer kleinen Stadt symbolisiert. Ich wollte schreien, ich wollte tanzen, ich wollte… Ach, ich weiß gar nicht, was ich wollte. Die Glückgefühle überschwemmten meinen Körper so sehr, dass ich gar nicht mehr denken konnte. Da war nur noch die reine ungetrübte Freude, die ich zuvor und nie wieder danach gespürt habe. Und die das genaue Gegenteil war von der lähmenden Verzweiflung, die ich vor Jahren in meiner Küche gespürt hatte, als ich das Ablehnungsschreiben zu meinem Ausreiseantrag lesen musste.

Videotagebuch Folge 13

ANKUNFT IM WESTEN

Erst dann sah ich die Brücke, die über die Gleise führte. Die war voll mit Menschen, die die bayerische und deutsche Fahne schwenkten und die uns jubelnd begrüßten. Tatsächlich so, dass ich heute nicht mal mehr beschreiben kann, wie der Bahnhof in Hof ausgesehen hat. Die Brücke war voller Menschen, der Bahnsteig war voller Menschen. Da standen alte Omis mit Tabletts voller belegter Brötchen und mit Kaffeekannen. In der Bahnhofshalle hatten alle möglichen Organisationen und Institutionen Stände aufgebaut – das Rote Kreuz und die Caritas verteilten Klamotten.

Es war ein unglaublich herzlicher Empfang. Ich fühlte mich wie ein Fußballweltmeister, der nach Hause kommt. Ja, ich fühlte in diesem Moment, dass hier mein Zuhause war. Und sein sollte.“

Reichenbach im Vogtland