Weltkunst in Kassel

Die Documenta 14 ist Sinnbild für viele Eigenheiten der deutschen Kulturlandschaft. Unterwegs mit internationalen Gästen.  

Für Kunstfreunde ist das Jahr 2017 ein Fest. In Kassel läuft die Documenta, in Münster die „Skulptur Projekte“, in Venedig die Biennale. Nur alle zehn Jahre fallen die drei renommierten Festivals zusammen. Mit großer Vorfreude waren denn auch die Gäste des Besucherprogramms der Bundesrepublik Deutschland angereist – mehr als 20 Museumsleiter, Kuratoren, Künstler und Kritiker aus verschiedenen Weltregionen besuchten die Documenta.

d14: Antonio Vega Macotela, Mill of Blood, Karlsaue © Liz Eve

d14: Antonio Vega Macotela, Mill of Blood, Karlsaue © Liz Eve

Dass der Weg zur international wohl bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst in eine hessische 200.000-Einwohner-Stadt führt, mag für Gäste erklärungsbedürftig sein. Diesen Part übernahm Kunstexperte Vlado Velkow. Der gebürtige Bulgare, der seit vielen Jahren in Berlin lebt, gab einen Überblick über die deutsche Kulturlandschaft. Eines ihrer Merkmale: Dezentralität. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern konzentriert sich das Geschehen nicht auf die Hauptstadt. „Zwar gibt es seit einiger Zeit eine starke Bewegung Richtung Berlin, aber das ist eigentlich untypisch. Viele wichtige Kunstinstitutionen sind in kleineren Städten zu finden.“

d14: Maria Eichhorn, Unrechtmässige Bücher, Neue Galerie © VG Bildkunst Bonn 2017 © Mathias Voelzke

d14: Maria Eichhorn, Unrechtmässige Bücher, Neue Galerie © VG Bildkunst Bonn 2017 © Mathias Voelzke

Die Kunst und das Geld

Velkow geht auch auf die Finanzierung von Kunst und Kultur in Deutschland ein – ein Thema, das die Gäste besonders interessiert. Viele von ihnen leiten Kultureinrichtungen und müssen um Gelder immer wieder kämpfen. Dass sich an der Finanzierung der Documenta auch Industriekonzerne beteiligen, scheint manchen bemerkenswert. „Warum tun die Unternehmen das, erhoffen sie sich Steuervorteile?“, fragt Živilė Etevičiūtė, Festivalmanagerin aus Litauen. „Teilweise, aber ein anderer Grund ist Leidenschaft“, sagt Velkow. „Sie wollen Dinge mitgestalten und ihre Stadt oder Region attraktiver machen.“

Es gibt zahlreiche weitere Besonderheiten der deutschen Kulturlandschaft mit ihren rund 80.000 Künstlern und 6.000 Museen, die in der Gruppe für Gesprächsstoff sorgen: die Rolle der kommunalen Sparkassen etwa oder die Idee des Kunstvereins. Rund 500 solcher Vereinigungen von Kunstfreunden gibt es in Deutschland, sagt Velkow, der selbst einen Kunstverein im sauerländischen Arnsberg leitet. Vor rund 200 Jahren als eher elitäres Format begonnen, sind Kunstvereine heute offene Gruppen, die meist mit hohem privaten Engagement Ausstellungen organisieren und den Austausch über Kunst fördern.

Faktor Mittelschicht

Arthur Kgokong aus Südafrika findet es erstaunlich, wie tief das kulturelle Bewusstsein in der deutschen Gesellschaft verankert ist. „Dieses Land kann sich glücklich schätzen.“ Kgokong ist Kurator im City of Tshwane Pretoria Art Museum. Er ringt ständig um breite gesellschaftliche Anerkennung für Kunst und glaubt, dass die Unterschiede zwischen den Ländern auch mit der Situation der jeweiligen Mittelschicht zu tun haben. Ist sie in Deutschland groß und hat gute Einkommen sowie vielfältige Interessen, sei sie in Südafrika ökonomisch stark unter Druck und nicht besonders an Kunst interessiert.

Kgokongs Traum: ein Austausch mit je drei Künstlern aus Deutschland und Südafrika, die nach dem Mauerfall beziehungsweise dem Ende der Apartheid geboren wurden. Die Förderung gerade für junge Kunst liegt ihm am Herzen, er sieht viel Potenzial im Nachwuchs seiner Heimat, kennt aber auch die Herausforderungen. „Für einen afrikanischen Künstler ist es ein weiter Weg zur Documenta.“

Werk und Information

Zwar zeigt die Documenta inzwischen längst Kunst aus allen Weltregionen. 1955 vom Kasseler Kunstwissenschaftler Arnold Bode gegründet, war sie zunächst aber tatsächlich auf Deutschland und Europa beschränkt. Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte Bode den Deutschen zeigen, was diese an zeitgenössischer europäischer Kunst verpasst hatten. „Die Idee war eine erzieherische“, sagt Itamar Gov aus dem Kuratorenteam um Adam Szymczyk. Nachdem die Nazis moderne Kunst als ‚entartet‘ diffamiert hatten, sollten die Deutschen deren Wert neu kennenlernen. „Deswegen ist bei der Documenta immer auch die Information wichtig, der Text zum Werk: Wer ist der Künstler und vor welchem Hintergrund hat er diese Arbeit geschaffen?“

Von Gov erfahren die Gäste auch, wie aufwändig die Planung eines so großen Kunst-Ereignisses ist. Werke von mehr als 200 Künstlern sind diesmal zu sehen, verteilt über die ganze Stadt. „Die Vorbereitungen für die neue Documenta beginnen immer gleich nach dem Ende der vorherigen, es ist ein langer Prozess von fünf Jahren.“ Die Documenta 14 hat zudem die Besonderheit, dass sie erstmals an zwei Orten stattfindet – in Kassel und Athen. Die Ausstellung in der griechischen Hauptstadt begann bereits im April. „Der Ansatz dabei ist nicht, die documenta einfach in Athen zu kopieren, sondern mit den Institutionen in beiden Städten zusammenzuarbeiten.“ Und der Austausch läuft tatsächlich in beide Richtungen: Das Museum Fridericianum, eines der Zentren der Documenta, zeigt während der Ausstellung die Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst.

© www.deutschland.de

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