Auf alles vorbereitet

Fällt die EU-Aktie nach dem Brexit – oder übersteht das Bündnis den Austritt unbeschadet? In Frankfurt am Main trafen internationale Gäste auf deutsche Finanzexperten.

Haendler im Handelssaal der Deutschen Boerse in Frankfurt am Main (Hessen), Foto: Frank Rumpenhorst

Es ist der Klang der Frankfurter Börse: ein feines, beständiges Klappern. Das Geräusch kommt von den Anzeigetafeln an den Wänden des Handelssaals, bei jeder Kursveränderung ist es zu hören. Klack-klack, klack-klack. Die Tafeln stammen aus den 1980er-Jahren – während ringsherum alles modernisiert ist, hat man sie bewusst nicht gegen digitale Anzeigen ausgetauscht. Ein kleines Stück Kontinuität in der sich ansonsten so rasant wandelnden Finanzwelt. Besonders große Veränderungen erwarten die Börsen – und nicht nur sie – mit dem Brexit. Was bedeutet er für die EU und wie stellt Deutschland sich darauf ein? Antworten auf diese Fragen bekamen internationale Journalisten, Wissenschaftler sowie Mitarbeiter von Stiftungen und Thinktanks bei einer Reise nach Berlin und Frankfurt am Main.

Mit Niels Tomm trafen die Gäste des Besucherprogramms der Bundesrepublik Deutschland an der Frankfurter Börse auf einen optimistischen und gleichzeitig pragmatischen Gesprächspartner. „Wir hoffen das Beste, sind aber auf das Schlimmste vorbereitet“, so der Leiter Governmental Relations der Börse mit Blick auf die Verhandlungen zum Brexit. Es sei nicht ausgeschlossen, dass es am Ende der Gespräche zwischen EU und Großbritannien im März 2019 schlichtweg keine Einigung gebe. Bis dahin herrsche ohnehin Unsicherheit – „und Unsicherheit ist nie gut für die Finanzmärkte“.

Frankfurt könnte ein Brexit-Gewinner sein

Aber könnte der Finanzplatz Frankfurt nicht vom Brexit profitieren? Schließlich müssen viele Geschäfte von London in die EU verlagert werden. „Es gibt in der Community tatsächlich eine große Motivation dafür, dass Frankfurt gewinnen kann“, so Tomm. „Einige Banken haben schon entsprechende Entscheidungen getroffen – ich hoffe, das geht weiter.“ Noch sei allerdings nicht absehbar, ob es in der EU der 27 ein einzelnes europäisches Finanzzentrum geben wird, oder ob sich das Geschehen auf mehrere Standorte verteilt. Neben Frankfurt kommen Tomms Ansicht nach auch Paris, Dublin und Mailand in Frage.

Senada Šelo Šabić, Politikwissenschaftlerin an der Universität Zagreb, hört interessiert zu. Ihre Heimat Kroatien ist 2013 als jüngstes Mitglied in die EU aufgenommen worden. Sie stellt fest, dass sich gerade nach dem Brexit-Votum bei vielen Menschen in ihrer Heimat Ernüchterung einstellt. „Es gibt einen Witz, wonach wir Kroaten um zwei Uhr nachts als letzte Gäste auf eine Party gekommen sind, bei der vom Essen und vom Wein kaum noch etwas übrig ist und die ersten schon wieder gehen.“ Dabei übersähen allerdings viele Kroaten, dass man die Zustimmung zu Europa nicht zu einer reinen Kosten-Nutzen-Rechnung machen dürfe.

EU-Euphorie bei Anwärtern weiter hoch

Groß sei die Europa-Begeisterung dagegen weiterhin in Georgien, erzählt Ivane Chkhikvadze, der dort bei der Open Society Georgia Foundation arbeitet, einem Mitglied des Stiftungsnetzwerks von George Soros. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung stünden der Annäherung des Landes an die EU positiv gegenüber, so Chkhikvadze. Ähnlich sei es in Montenegro, berichtet Marko Vešović, Politikredakteur bei der dortigen Tageszeitung „Dan“. Auch die meisten Montenegriner sähen die Zukunft ihres Landes in der EU. Die Regierung hofft, dass Montenegro das nächste Mitglied wird, die Beitrittsverhandlungen laufen.

Michael Best, Sprecher der Deutschen Bundesbank, in der Zentrale der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main (Hessen), Foto: Arne Dedert/dpa

Den Euro als Zahlungsmittel gibt es in dem Land bereits – allerdings ohne ein formelles Abkommen mit der Europäischen Zentralbank (EZB). Was das im Fall eines EU-Beitritts bedeuten würde, möchte Vešović vom nächsten Gesprächspartner der Gruppe wissen: Bei der Deutschen Bundesbank treffen die Gäste auf Michael Best. Der langjährige Börsenreporter leitet heute bei der Bundesbank den Bereich Kommunikation. Die Montenegro-Frage ist rechtlich komplex und bietet viel Gesprächsstoff für die internationale Expertenrunde. Genau wie die weiteren Themen des Treffens: die Rolle der Bundesbank bei den Euro-Rettungspaketen und der deutsche Blick auf die Politik der EZB.

„Ein Stabilitätsfaktor geht verloren“

Um die Stabilität des Euro, die Zusammenarbeit in einem so vielfältigen Bund wie der EU und um den Wert von Migration geht es am nächsten Ort der Reise. Das „House of Finance“ der Frankfurter Goethe-Universität ist insofern eine Besonderheit, als ein Großteil der Mittel für Forschung und Lehre von Banken und Unternehmen kommt. Die Einrichtung soll ein offenes Forum für den Austausch von Wissenschaft und Wirtschaft sein – Motto: „Science meets business“.

Helmut Siekmann hat dort den Lehrstuhl für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht. Mit ein paar Kennzahlen macht er den Gästen noch mal deutlich, wie unterschiedlich die EU-Mitglieder sind, was etwa Bevölkerungsgröße und Wirtschaftsleistung angeht. Aber: „Solche erheblichen Unterschiede gibt es in föderalen Systemen häufig.“ Ein Problem für die EU sieht er darin nicht – im Austritt Großbritanniens schon eher. „Die Briten sind ein Stabilitätsfaktor. Sie unterschreiben nicht alles, aber wenn sie einmal ihre Zustimmung geben, sind sie verlässlich – mehr als Frankreich oder Deutschland.“

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