Heisser Jazz und siedende Geschichte

14. Februar 2017

Die ersten Töne erklingen in Django – wenig überraschend von einer Gitarre; allerdings ist die dargestellte Szenerie weit weniger harmonisch als die übermütig gespielten Refrains. Während sich im Jahr 1943 Zigeuner in einem französischem Wald versammeln, dringen deutsche Soldaten in ihr Lager ein und beenden ihre Musik mit Bleikugeln. Dieser Auftakt bereitet auf die Geschichte vor, die folgen wird – eine Filmbiographie über den berühmten Jazz-Gitarristen Django Reinhardt, die weniger Wert auf sein spielerisches Können legt, und mehr davon fasziniert ist, wie er es mit seinen Roma-Wurzeln geschafft hat den zweiten Weltkrieg zu überstehen. Einen Schritt weitergehend, trifft er, als Eröffnungsfilm der 67. Berlinale, eine wichtige Aussage über ein Festival, das sich seiner historischen Signifikanz bewusst ist.

Weitere pfeilgeschwinde melodische Riffe folgen, während Django die Bemühungen des schnurrbärtigen Reinhardt (Reda Ketab) in diesen turbulenten Zeiten aufzeichnet: genauer gesagt die Einladungen und späteren Forderungen er solle nach Deutschland reisen und dort für Einflussnehmer wie Goebbels spielen; und gleichtzeitig die Behandlung der Roma, die ihn dazu bringt zu versuchen in die Schweiz zu fliehen. Während seine Fluchtpläne einen Schatten der Angst über die zuerst genannten Forderungen legen, warnt ihn eine alte Flamme (Cécile de France), dass er seine Frau (Beata Palya) und Mutter (BimBam Merstein) über die Grenze und somit in Freiheit bringen sollte. Jedoch passt das Konzept die eigene Sicherheit zu wahren nicht immer mit dem sich der Unterdrückung zu widersetzen zusammen.

NICHT AN DETAILS KLEBEN

Drehbuchautor Etienne Comar tritt für diese ansehnliche Adaption von Alexis Salatkos Roman zum ersten Mal als Regisseur hinter die Kamera und führt seine Faszination mit der Bedeutung von Entscheidungen fort; während er in seinem Drehbuch für Des hommes et des dieux (2010) eine Gruppe von Mönchen zeigt, die die Entscheidung treffen anderen zu helfen – obwohl dies ihre eigenen Leben gefährdet, bringt Django seinen namensgebenden Protagonisten in eine ähnliche Situation. Zu Beginn des Films ist er begierig den Konflikt um sich herum zu ignorieren. Er angelt und musiziert – geschieden von der Politik. Je mehr ihn sein Talent aber in den Fokus des Nazi-Regimes rückt, umso mehr ist er dazu gezwungen sich mit der turbulenten Realität um sich herum auseinaderzusetzen, sie zu begreifen und schließlich aktiv daran zu arbeiten diese zu untergraben.

Trotzdem hält sich Django nicht sonderlich mit Details auf – braucht er auch nicht. Da das Thema zweiter Weltkrieg selten weit von der großen Leinwand entfernt ist, sind die Zuschauer mit den Gräultaten, die diese Zeit geprägt haben, mehr als vertraut. Die Szenen von geheimen Gesprächen und Planungen sowie die offenkundigen Einschüchterungen und Grausamkeiten funktionieren fast wie eine Stenographie für die Gräultaten, die hier ungesehenen bleiben. Ein Schuss der das Leben eines alten Mannes auslöscht, das Herumtrampeln und die damit einhergehende Respektlosigkeit des konfizierenden Militärs in einem einfachen Haushalt, knappe Verhörmethoden die auf diskriminierenden Annahmen beruhen, zerstörerische Flammen die weltliche Besitztümer auffressen; diese flüchtigen Eindrücke, gekoppelt mit einem unausweichlichen Bewusstsein der Geschichte, sagen vieles aus. Der Soundtrack des Film beruht auf Reinhardts lebendigem Spiel und einem Originalstück, das zu großen Teilen verloren war und welches der Gitarrist nach dem Krieg entwickelte. Comars Ansatz zeigt damit den starken Kontrast von Horror und Kunst.

GESCHICHTE FÜLLT LÜCKEN

Das ist auch der Raum den die Berlinale einnimmt indem sie mit einer Darstellung von Reinhardts Überleben und dem seiner Musik eröffnet. Wenige Minuten vom Berlinale Palast entfernt, in dem Django sowohl seine Welturauffführung hatte als auch das Festival 2017 eröffnete, sind Erinnerungen an die Vergangenheit sichtbar, die der Film wiedergibt. Und das Dokumentationszentrum Topografie des Terrors füllt die Lücken des Films mit herzzerreißenden Details. Sowohl die grandiose Feier des kontemporären Films als auch das unerschütterliche Wissen um qualvolle vergangene Ereignisse können nebeneinander existieren, aber es ist nicht zu leugnen, das eins das andere prägt. Dies lernt Reinhardt wenn Django sein nachdenkliches Drama zu Ende bringt – und so auch das Berlinale Publikum.

Sarah Ward

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

 

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