Gleichberechtigung kein Thema

Nun steht die internationale Filmwelt wieder für zehn Tage im Zeichen des Bären. Die Berlinale 2017 hat begonnen. Mit den Schauspielerinnen Sally Potter, Catherine Deneuve, Hanna Schygulla, Patricia Clarkson u.v.a präsentieren die mächtigsten Frauen der Filmwelt auf der 67. Berlinale Filme von überwiegend Männern aus aller Welt.

Ganze sechs von 24 Wettbewerbsbeiträgen wurden 2017 von Regisseurinnen inszeniert. Weniger als ein Drittel! Das ist weit weg von den egalitären 50 Prozent, doch immerhin eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr, da waren es ganze zwei von 21 RegisseurInnen. Damit toppt das Festival locker einen seiner Hauptsponsoren: Das Zweite Deutsche Fernsehen will seinen Anteil von Regisseurinnen jährlich um ein Prozent steigern. Da aktuell nur 13 Prozent Frauen das Abendprogramm inszenieren, gibt es Egalität garantiert in 37 Jahren. Im Vergleich dazu kann man die Berlinale als geradezu fortschrittlich bezeichnen.

Männerclub bis heute

Auf der Pressekonferenz der Berlinale fallen unzählige Männernamen bis endlich mit Agniezka Holland die erste Frau erwähnt wird. 2011 für den Oscar nominiert, betitelt die polnische Regisseurin in The Guardian das Kino als Boys Club. Ein Männerclub bleibt es auch heute, bis das Thema vom Wettbewerb über die Sektion Panorama am Forum vorbei in die Sektion Generation streift: Hier blickt Maryanne Redpath durch ein Brennglas auf Europa. Ihre Sektion besteht aus insgesamt 64 langen, mittellangen und kurzen Filmen, 32 davon von Frauen inszeniert. Leider haben wir da die Welt der großen Budgets längst verlassen.

Selbst mein geliebtes Norwegen leistet dieses Jahr drei Berlinale Beiträge von männlichen Regisseuren: Ole Giæver, Thomas Arslan und Erik Poppe. Warum hat die norwegische Filmindustrie eigentlich noch nicht das schwedische Modell der Geschlechtergerechtigkeit umgesetzt?!

Für den Lebensgefährten der Produzentin Wilma Harzenetter, der die Berlinale seit 2001 leitet, scheint Gleichberechtigung gar kein politisches Thema zu sein. Zu nah die Kritik, die der schmächtige 65 jährige, heute sportlich jung gekleidet, gerne ins Ausland verlegt, oder zumindest nach Bayern. „In Bayern bekommt man einen Preis für’s Frau sein, hier muss man erst noch einen Film drehen“ outet sich der Patriarch mit der grauen Igelfrisur in den allerletzten Sekunden der Pressekonferenz zur 67. Berlinale als misogyner Grobian.

Wie so oft frage ich mich: Was haben Männer Frauen eigentlich voraus? Im Pressehaus Berlin wird es gerade einprägsam demonstriert: Sie feiern einander!

Gerade in Momenten, in denen eine Frau prämiert wird, fallen hier umso mehr Männernamen. Die Dame wird, wenn überhaupt, einzeln erwähnt (Anita Sarkesian hat dafür den Begriff “Schlumpfinnen-Syndrom” geprägt).  Oder die Dame, um die es geht, wird Namenlos nur durch ihre Beziehungen zu berühmten Männern definiert z.B so „ [die] Tochter von James Joyce, die als Verlobte von Samuel Beckett als Tänzerin im Paris der 1920er Jahre ihre Bestimmung suchte“  (Pressetext Sektion Verfilmenswerte Romane, gemeint ist Lucia Joyce)

Julia Thurnau

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

Copyright: Text: Goethe-Institut Norwegen, Julia Thurnau. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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