„Ein Gefühl größer als Liebe“ Zwischen Vergangenheit und Gegenwart des Libanons

17. Februar 2017

Die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart stellt eine der häufigen Themen des Kinos im Allgemeinen und des Dokumentarfilmes im Besonderen dar. Das Durchstöbern von Tagebüchern vergangener Generationen nach Geschichten, die der Allgemeinheit vielleicht unbekannt sind, sucht durch ihre Darlegung zu bestätigen, was wir alle bereits wissen: Die Menschheit hat wiederkehrende Facetten und das menschliche Leid muss sich über Generationen wiederholen solange dessen Ursachen nicht beseitigt sind.

Dieses Thema steht deutlich im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Ein Gefühl größer als Liebe“ der libanesischen Regisseurin Mary Jirmanus Saba. Sie versucht in diesem Film, der im „Forum der Berlinale“ gezeigt wird, die Vergangenheit Libanons mit seiner Gegenwart zu verknüpfen. Dies geschieht durch den Rückblick auf zwei Geschichten, in ihrer begrenzten Anzahl von geringem Wert zu sein scheinen. Zwei Vorfälle von Rebellion ereigneten sich Anfang der siebziger Jahre, als Arbeiter einer Schokoladenfabrik und Tabakbauern gegen das Monopol des Kapitals protestierten. Die Armee schlug beide Proteste nieder, je zwei Menschen fielen den Vorfällen zum Opfer.

„Tausende starben in Chile und Indonesien… Wie wichtig ist der Tod dreier junger Männer und eines Mädchens, dass du einen Film über sie drehst?“, die Regisseurin stellt sich diese Frage neben vielen anderen, die im Film enthalten sind. Es scheint, als führe die Regisseurin einen Selbstdialog, um die Dimensionen ihres Filmes zu begreifen – so wie die Zuschauer sicherlich auch.

Die Bedeutung liegt in der Tatsache, dass die Ursachen der Bauern- und Arbeiterrebellion der frühen siebziger Jahre heute noch immer vorhanden sind: Schlechte Zustände, Teuerung, eine drückende Macht des Kapitals und der in jeder libanesischen Angelegenheit allgegenwärtige Konfessionalismus. Die schwierige Situation ist noch immer da, wenn sie sich nicht sogar verschlimmert hat, und dies, trotz der Bürgerkriege und hunderter Parteien und Bewegungen. Darunter die Kommunistische Partei, von der ein Poster zur Feier ihres 80. Gründungstages im Film zu sehen ist.

Die Regisseurin widmet den größten Raum ihres Filmes den Erinnerungen der Bauern, Arbeiter und kommunistischen Aktivisten, die an den beiden Ereignissen teilgenommen haben. Diese thematische Entscheidung führt zu einer Filmmontage, die nach der ersten halben Stunde in die Falle des Wiederholens fällt. Die ständig wiederkehrenden Haltungen und Ideen, verlangsamen in der zweiten Filmhälfte das Tempo. Ausnahmen stellen Momenten der versteckten Ironie über die kommunistischen Aktivisten dar, von denen einige mehr träumten als sie sollten. Andere waren abstoßend machohaft, so dass weibliche Mitglieder die Bewegung verließen, als sie herausfanden, dass die Männer sich für den Krieg vorbereiten und die Frauen für sie kochen sollten.

Was wir in „Ein Gefühl größer als Liebe“ am unterhaltsamsten fanden, sind diese Momente der tieferen Einsicht und des Verständnisses für gesellschaftliche Probleme, die tiefer wurzeln als das kapitalistische Monopol. Dazu kommen die Szenen der Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart, sei es durch den Besuch der Charaktere von Orten ihrer vergangenen Rebellion oder durch das Abspielen von alten revolutionäre Parolen über Mikrophon aus einem fahrenden Auto.

Der Film von Mary Jirmanus Saba geht auf der intellektuellen Ebene von einem begrenzten Ereignis aus und verknüpft dieses mit der heutigen Realität im Libanon. Auf der filmischen Ebene hätte die Montage des Materials aber konzentrierter umgesetzt werden können.

Ahmed Shawky

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

Copyright: Text: Goethe-Institut Ägypten, Ahmed Shawky . Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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