Botschaft von warmer Menschlichkeit

17. Februar 2017

Die Vorstellung, dass wir in „postkolonialen“ Zeiten leben, ist eine Illusion. Die Auswirkungen des jahrhundertelangen Imperialismus sind noch heute spürbar, ob in der Missachtung der Rechte der Sioux beim Bau einer Pipeline oder in einer Sprache, die permanent die nichtweißen Kulturen unterminiert. Es ist daher nicht sonderlich überraschend, dass der Kolonialismus im Kino unter die Lupe genommen wird.

Auf der Berlinale zeigen zwei Filme Szenen, in denen weiße Männer die Grenzen anderer Nationen bestimmen: Viceroy’s House dreht sich um Indiens politische Unabhängigkeit und die kontroverse Entscheidung, den neuen Staat Pakistan zu gründen. In Die versunkene Stadt Z wird ein britischer Soldat damit beauftragt, eine Grenze zwischen Bolivien und Brasilien zu ziehen.

Viceroy’s House beschäftigt sich expliziter mit den Auswirkungen des Kolonialismus, da dieser Film die Übergabe der Macht in Indien skizziert. Der Film der Regisseurin Gurinder Chadha ist überraschend wirkungsvoll, da er eine sehr persönliche Verbindung zur Geschichte herstellt. Ihr Bild vom Indien der 1940er-Jahre wirkt anfangs überraschend romantisch, wie eine exotische Folge von Downton Abbey, einschließlich der Kostüme und der opulenten Säle. Die vermittelte Krone-in-Indien-Stimmung macht die darauffolgenden politischen Debatten einem größeren Publikum zugänglich. Chadha gibt der moralischen Komplexität der Teilungsentscheidung Raum und zeigt bewundernswert wenig Zurückhaltung, wenn es darum geht, das schreckliche Verhalten Großbritanniens zu zeigen. Eine mutige Entscheidung, wenn das Zielpublikum vermutlich aus alten weißen Pro-Brexit-Wählern besteht.

Die versunkene Stadt Z hingegen ist eine altmodische Abenteuergeschichte über die verzehrende Kraft des Ehrgeizes. Die Geschichte folgt Percy Fawcett, der die Royal Geographical Society überzeugen will, dass Südamerika auf verlorene Kulturen und Zivilisationen zurückblicken kann und dass die Menschen im Amazonas keine „Wilden“ sind. Die Auswirkungen des Kolonialismus bilden den Hintergrund der Geschichte, denn durch ihn ist die Stadt Z überhaupt erst versunken.

Auch wenn James Grays spannender Kinofilm rein formell betrachtet reichhaltiger und befriedigender wirkt als Chadhas sanfterer Film, so verbindet beide doch dasselbe Thema. Sowohl Fawcett als auch Mountbatten, Hauptfigur in Viceroy’s House, werden im Auftrag Großbritanniens in andere Länder geschickt. Beide wollen Menschen anderer Kulturen mit Respekt und Menschenwürde behandeln. Es ist ermutigend, im aktuellen isolationistischen Klima leicht zugängliche Mainstreamfilme zu sehen, die die hässliche Fratze des Kolonialismus zeigen und trotz allem darin eine Botschaft warmer Menschlichkeit zu finden.

Nathanael Smith

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

Copyright: Text: Goethe-Institut, Nathanael Smith. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

DE Guest Blogger are bloggers and writers who write the occasional post for our site. If you have something you'd like to say about your experiences in Germany and would like to become a DE Guest Blogger, then send us an email at deutschland@fs-medien.de.

Leave a Reply

Your feedback is valuable for us. Your email will not be published.

Please Wait...