Flucht 2.0 – wie Flüchtlinge sich informieren

Am Ende wartet ein eigenes Haus – da sind sich viele Geflüchtete sicher, wenn sie sich auf den langen Weg nach Europa machen. Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Martin Emmer hat in der Studie „Flucht 2.0“ die Mediennutzung von Geflüchteten analysiert.

Er geht dabei sowohl dem Vertrauen in verschiedene Medientypen nach, als auch der Lücke, die zwischen Hoffnung und Wirklichkeit klafft. Mehr als 78 Prozent der befragten Geflüchteten hatten demnach vor ihrer Flucht gehört, dass jeder Neuankömmling in Deutschland ein eigenes Haus bekäme. Von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte hatten dagegen nur rund 28 Prozent der Befragten vor ihrer Flucht gehört. Emmers‘ Präsentation beim Deutsch-Niederländischen Forum in Berlin gab zudem Aufschluss darüber, worauf das positive Bild von Deutschland zurückzuführen ist und welchen Informationsquellen Geflüchtete Vertrauen schenken.

Während der Bildungsgrad keine Rolle bei der Bewertung Deutschlands spielt, sind es vor allem Onlinequellen und das Fernsehen, deren Konsum in einem positiven Bild resultiert. Negativ beeinflusst wird das Bild hingegen durch den Konsum von Zeitungen. Printmedien sind jedoch auch das Medium, dem am wenigsten Vertrauen entgegengebracht wird. Als am vertrauenswürdigsten bewerteten die befragten Geflüchteten Informationen, die sie aus „interpersonaler Kommunikation“, also im direkten Gespräch oder über Messenger-Dienste erhalten hatten.

Beratungsangebote per WhatsApp

Emmers‘ Vortrag bildete den Auftakt zu einer vielschichtigen Diskussion über die Rolle von Kommunikation im allgemeinen und speziell der Rolle der Medien im Kontext von Asyl und Migration. Wie wird über Geflüchtete kommuniziert, wie mit ihnen? Welche Erwartungen und Forderungen kann eine Gesellschaft an Ankommende stellen, um schlussendlich Integration zu erreichen, und wie können diese Forderungen vermittelt werden?

In Anlehnung an Emmers‘ Forschung wurde zudem diskutiert, wie man auf das Kommunikationsverhalten von Geflüchteten durch passende Angebote reagieren kann. So bieten in den Niederlanden inzwischen einige Stellen Beratungsangebote per WhatsApp an und begegnen damit dem hohen Stellenwert und dem hohen Vertrauen, das direkte digitale Kommunikation unter Geflüchteten genießt. Ein vergleichbares Pilotprojekt in Deutschland wurde jedoch nach kurzer Zeit eingestellt – weil die Nachfrage zu groß war. An dieser Stelle, so der Konsens des Plenums, hat Deutschland großen Nachholbedarf, um bei der digitalen Entwicklung nicht komplett den Anschluss zu verlieren. Angebote wie die persönliche digitale Beratung würden zeigen, dass sich die Verwaltung auf die neue Zielgruppe der Geflüchteten einstellt.

Sprache kann das Denken verändern

Die Journalistin Alice Lanzke von den Neuen Deutschen Medienmachern sensibilisierte die TeilnehmerInnen in einem zweiten Impulsvortrag für die Bedeutung von Sprache und Wortwahl im Diskurs über Geflüchtete. Sie riet dazu, Sprache nicht als bloßes Werkzeug zur Kommunikation zu betrachten, sondern anzuerkennen, dass sie Wirklichkeit schafft und Gedanken, und damit auch mögliche Lösungen für gesellschaftliche Probleme, beeinflusst. Sie legte damit den Grundstein für die anschließenden Fragen zur Positionierung von Medien und Journalisten in gesellschaftlich umstrittenen Fragen, wie Asyl- und Migrationsthemen. Lanzke mahnte ihre Journalistenkollegen, sich von der Kritik an der angeblichen „Lügenpresse“ nicht in ihren professionellen Standards beeinflussen zu lassen: Verletzungen des Pressekodex in vorauseilendem Gehorsam gegenüber einem vermeintlichen Leserwillen, etwa bei der frühen Nennung der Herkunft des Verdächtigen eines Verbrechens, dürften nicht zur Normalität werden. Emmer wandte ein, dass sich Medien und Öffentlichkeit in Deutschland immer weiter voneinander entfernten: Der Raum, in dem kontroverse Debatten geführt werden, seien nicht mehr die traditionellen Medien, womit auch die Bedeutung von Journalisten als Mittler und Leiter solcher Debatten abnehme.

Der zweieinhalbstündige Workshop zeigte, wie Kommunikation – sowohl unter Geflüchteten als auch in den Zielländern von Flucht und Migration – eine vermeintliche Wirklichkeit generiert. Die Diskussion zeigte, dass erfolgreiche Integration letztendlich auch davon bestimmt wird, welche Chancen und Möglichkeiten ein Zielland den neu Ankommenden anbieten kann. Integration fängt an, wenn Geflüchtete gezielt angesprochen werden können. Sie geht weiter, wenn Migranten langfristig eine Stimme bekommen und sich selbst in die Mediendebatte einbringen können. Sie ist da am wirksamsten, wo sie direkt ist: im persönlichen Austausch von Mensch zu Mensch, in der Kommunikation miteinander statt übereinander.

Welche Begriffe und Formulierungen stören euch in der medialen Diskussion zu Asyl und Migration? Welche Kommunikationskanäle finden eurer Meinung nach den „richtigen Ton“? Diskutiert in den Kommentaren mit!

Text: Victoria Gulde
Foto: dpa/pa

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