Wo Grenzen verschwimmen

Von Frankfurt an der Oder ist es nur ein kurzer Spaziergang in die polnische Stadt Słubice. Was Europa bedeutet, kann man hier vielleicht am besten erspüren. Unterwegs mit internationalen Gästen.

Unten am Oderstrand stehen Liegestühle und eine Leinwand, auf der am Abend das Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft zu sehen sein wird. Portugal gegen Wales. Auf dem Fußballplatz pflegt Europa dieser Tage die nationale Rivalität. Im richtigen Leben geht es meist deutlich partnerschaftlicher zu, lassen sich Grenzen gar nicht mehr klar abstecken. Das merken auch die internationalen Teilnehmer der Themenreise „Deutschland in Europa – europäisches Deutschland“, die im Rahmen des Besucherprogramms der Bundesrepublik Deutschland eine Woche in Berlin, Frankfurt am Main und Frankfurt an der Oder verbringen. Vertieft in ihre Gespräche, sind sie gerade über die Oderbrücke spaziert – und stehen unversehens auf polnischem Boden. Wären da nicht die polnischsprachigen Schilder und das große Banner der Stadt Słubice, man nähme kaum wahr, dass man soeben eine Landesgrenze überquert hat.

Polonicum

Krzysztof Wojciechowski ist schon viele Male über diese Brücke gegangen. Der 59-Jährige ist Verwaltungsdirektor des Collegium Polonicum, einer gemeinsamen Einrichtung der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder und der Adam-Mickiewicz-Universität im polnischen Posen. Anfang der 1990er-Jahre arbeitete Wojciechowski im Gründungsbüro der Viadrina, auf der anderen Seite des Flusses, später leitete er dort das Akademische Auslandsamt. Dass es heute ein deutsch-polnisches Universitätsprojekt gibt, eine kleine Bildungswelt an beiden Ufern des Flusses, sei damals kaum absehbar gewesen. „Vor 25 Jahren hätte ich nicht daran geglaubt“, sagt Wojciechowski, nachdem er seine Gäste auf die Aussichtsplattform des Collegium Polonicum geführt hat. „Es ist ein kleines Wunder.“

Aussichtsplattform auf dem Polonicum

Mit Krzysztof Wojciechowski auf der Aussichtsplattform des Collegium Polonicum

 

Wie geht es weiter nach dem Brexit?

Und tatsächlich: Von hier oben, mit dem Blick hinüber nach Frankfurt an der Oder und auf die Brücke, auf der unablässig Fußgänger, Autos und Linienbusse in beide Richtungen unterwegs sind, scheint Europa ganz nah. Omar Cabrera schaut nachdenklich über den Fluss zur deutschen Seite. Auch für den Journalisten aus El Salvador ist das Modell Europa interessant. „Als kleines Land bekommen wir natürlich häufig den Rat, Partnerschaften zu bilden.“ Bei bestimmten Themen gebe es auch in Zentralamerika bereits eine enge Zusammenarbeit. Und wenn er nach Honduras oder Guatemala reist, muss Cabrera nur noch seine Identifikationskarte vorzeigen, nicht mehr den Reisepass. Von einer so intensiven Vergemeinschaftung wie in Europa ist die Region jedoch weit entfernt.

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Višnja Starešina und Omar Cabrera

Allerdings ist es ja auch nicht so, als sähe in der EU derzeit alles rosig aus. Gerade die Teilnehmer der Reise, deren Länder Beitrittskandidaten sind oder für die als junge Mitglieder noch Übergangsregelungen gelten, sind nach der Volksabstimmung für den Brexit, den Austritt Großbritanniens aus der EU, verunsichert. „Wir fragen uns, wie es jetzt weitergeht mit der europäischen Integration“, sagt die Journalistin Višnja Starešina aus Kroatien. Vera Didanovic, Expertin für Außenpolitik bei einer serbischen Wochenzeitung, nickt mit Nachdruck. Und auch Krzysztof Wojciechowski, der eben noch vom kleinen europäischen Wunder geschwärmt hat, gesteht mit Blick auf Europas Zukunft manche Sorge. Er erzählt von den Aufmärschen polnischer Nationalisten in jüngster Zeit und von der Flüchtlingskrise, die die Länder Europas vor große Herausforderungen stelle.

Einblick in eine Flüchtlingsunterkunft

Wie Deutschland mit dieser Herausforderung umgeht, hatten die Teilnehmer der Reise am Vortag erlebt. In Berlin trafen sie einen Vertreter des Bundesinnenministeriums, besuchten eine Flüchtlingsunterkunft, sprachen mit dem Leiter der Einrichtung, dem Bezirksbürgermeister, einer Vertreterin des örtlichen Jobcenters und einem freiwilligen Helfer. „Ich war erstaunt, wie viele verschiedene Stellen mit der Flüchtlingsfrage betraut sind“, sagt Fahrad Al-Hamoudi. Der Jurist ist Leiter eines Thinktanks in Saudi-Arabien. Es ärgert ihn, dass es oft heißt, die Golfstaaten nähmen keine Flüchtlinge auf. Allein in Saudi-Arabien lebten wahrscheinlich mehr Syrer als in Deutschland, sagt Al-Hamoudi, aber es gebe keine organisierte Versorgung. „In Saudi-Arabien kümmert sich die syrische Gemeinschaft um die Flüchtlinge, in Deutschland die Regierung.“ Für die beiden Länder mit ihren unterschiedlichen Sprachen, Gesellschaften und Arbeitsmärkten sei die Lösung jeweils die richtige, findet Al-Hamoudi. Die Situation lasse sich nicht vergleichen.

Die EU als Hort der Zusammenarbeit findet er dennoch spannend. Eine Blaupause für die Kooperation der Golfstaaten könne sie aber nicht sein. Die Einführung einer gemeinsamen Währung beispielsweise wurde dort lange Zeit angestrebt, schließlich aber verworfen. In anderen Bereichen arbeiten die Staaten der Region über den Golf-Kooperationsrat eng zusammen. „Das betrifft vor allem die Außen- und Verteidigungspolitik und die Wirtschaft.“ Auch in der Hochschulkooperation tue sich einiges, sagt Al-Hamoudi, der das saudi-arabische Bildungsministerium berät. „Die Anerkennung von Studienleistungen innerhalb der Golfstaaten etwa ist klar und einfach geregelt.“ Mit ihrem grenzüberschreitenden Lernen seien Europa und Frankfurt an der Oder für ihn gar nicht weit weg.

More about the Visitors Programme of the Federal Republic of Germany

http://www.auswaertiges-amt.de/EN/AAmt/ZuGastimAA/Besucherprogramm-node.html

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3 Comments

on Wo Grenzen verschwimmen.
  1. Peter Golias
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    Visiting Frankfurt/Oder and Słubice reminded me of the Slovak town Štúrovo (https://en.wikipedia.org/wiki/%C5%A0t%C3%BArovo) and Hungarian Esztergom (https://en.wikipedia.org/wiki/Esztergom). Just like in German-Polish case, both towns are separated by a river. In Slovak-Hungarian case it is the river Danube. Both towns have been connected by a bridge destroyed in 1944 during World War II, but reconstructed in 2001. Exactly the same example of re-unification. Nowadays, thanks to the EU and Schengen, people can cross the bridge freely. The European integration is a win-win project that many times overcomes artificial barriers raised during facsism and/or communism.

    During our visit to the Ministry of Interior, refugee camp in Berlin and leading representatives of Zehlendorf Town Hall, I recalled my memories of Western Germany as an open country tolerating and welcoming other cultures. I was glad to see the same in Berlin. When I asked one ordinary German woman in her 50-ies how does it come that German people turned to be so open to other nations and cultures, she gave me a brilliant answer: “Tolerance is the only way how you can achieve anything.”

    I wish that all Germany and all the EU hold the same attitude. It is not always easy to be tolerant. Especially not in times of terrorist attacks and growing migration from Asia and Africa. Currently, most people in Slovakia are afraid and refuse any immigration. Todays´Germany offers a good example that it can go also the other way round. And that it actually works. My perception, confirmed by another German colleague accompanying us on this trip, is that the German openess is in fact one of the root causes of its economic sucess.

    Peter Golias, Director at INEKO institute, economic think-tank based in Slovakia

  2. Igor Subbotin
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    I am from Moscow-based newspaper ‘Moskovsky komsomolets’. It was a great pleasure to visit Germany and to participate in this tour. Topics I deal with are international relations, diplomacy and foreign politics. Sometimes I write about Germany and EU, that’s why this press-tour was very useful for me. I was pleased to see German Foreign Office and to have conversation with Mr Kotthaus, because my job is linked to foreign ministries of different countries, including FRG. Besides, it was a great opportunity to visit refugee accomodation. I couldn’t imagine that Germany is so hospitable to refugees.

    Igor Subbotin, foreign desk correspondent in the ‘Moskovsky komsomolets’ newspaper

  3. Fahad Alhomoudi
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    Most of the times, unfortunately, Borders are affiliated with wars, crimes, problems and difficulties. However, my experience when crossing the German-Poland boarder was a pleasant experience with group of colleagues. The border becomes a bridge to transfer knowledge, literally and physically, where students and professors cross the border daily. It was fun when at one point I stood up with my Serbian colleague right next to each other, yet each one of us in a different country. On the bridge, I had a lengthy discussion with Maja Bobic, and I was telling her how surprised I am when seeing her with our friend Damir from Bosnia knowing that there was a war between their countries couple of decades ago, then she explained how European are working hard to get closer to each other for the benefit of all. Although Serbia is not a member of the EU yet and they seem to have long time to wait but they are making all the effort to be part of EU. From massacre wars to pleasant crossing borders is where European countries are trying to reach. It is not only, the knowledge transfer, but more importantly for Europe is the economy in with which the whole story begun with.

    Fahad Alhomoudi, president and founder of the Western Studies Institute, Saudi Arabia

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