Deutscher Wettbewerbsbeitrag: „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached

23. Februar 2016
„24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached | Foto (Ausschnitt): © Friede Clausz

 

Deutschland mag in diesem Jahr nur einen Film im Berliner Wettbewerb gehabt haben, aber dieser ist absolut sehenswert. Und Anne Zohra Berrached zählt damit ab sofort zu den neuen großen Hoffnungen des deutschen Arthouse-Films.

 
Astrid ist eine erfolgreiche TV-Komikerin, die aus ihrer Schwangerschaft eine Stand-Up-Nummer gemacht hat. Die ersten Szenen des Films suggerieren ein liebevolles, warmherziges, glückliches und sorgenfreies Lebensumfeld. Doch die Fallhöhe ist tief: Die plötzliche Nachricht, dass das Baby ein Down-Syndrom hat, prallt mit unglaublicher Wucht auf die Familie ein.

 

DIE WELT STEHT STILL

 

Die Arzthelferinnen unterhalten sich über Pfannkuchenrezepte, während die Welt des glücklichen Paares zusammenbricht. Den Überbringer der schlechten Nachricht sehen wir nicht – wir sehen nur, wie sich diese in den Gesichtern der Eltern niederschlägt. Doch das mit einem unerschütterlichen Sinn für Humor ausgestattete Paar gibt nicht auf, und alsbald diskutiert man, welche Bezeichnungen für behinderte Kinder eigentlich politisch korrekt sind. Und als der Vater sagt „Ich bin schon gespannt, wie er aussehen wird“, antwortet die Mutter: „Sicher wie du, nur mit Down.“

Die Reaktionen des Umfelds reichen von einem schockierten „Oh Scheiße!” bis zu einem verzweifelten „Vielleicht ist das auch eine Chance.“ Passend zur Nachricht im Glückskeks auf dem Tisch – „Die Starken sind stärker als ihre schlimmen Verluste“ – geben die beiden bekannt, dass sie sich dafür entschieden haben, das Kind zu bekommen. Nervös werden wir erst, als der Arzt bei der nächsten Untersuchung nervös wird. Die Nachricht von einem schweren Herzfehler des Kindes bleibt der Kamera verborgen. Auf die Frage „Was können wir tun?“ kommt die harte, aber unabweisbare Wahrheit: „Nichts. Man muss die Macht der Natur respektieren. Das ist Schicksal.“

 

EIN FILM, DER NICHT URTEILT

 

Der Film wirft auf beeindruckende Weise eine Vielzahl von so einfachen wie schwierigen Fragen auf, während Astrid und Markus sich Gedanken um eine eventuelle späte Abtreibung machen: Kann ich noch die Mutter sein, die ich sein will? Schaffe ich das alles? Darauf gibt es keine Antworten. Jeder Protagonist ist auf seine Weise benommen und aufgewühlt. Rein rechtlich gesehen ist die große Entscheidung, nämlich nach 24 Wochen ein lebensfähiges Kind abzutreiben, nicht mit der Diagnose des Babys zu begründen, sondern mit der Frage, ob die Mutter physisch und psychisch in der Lage ist, mit einem schwerbehinderten Kind umzugehen.

Man merkt, dass Anne Zohra Berrached das Thema sehr am Herzen liegt. Die Initialzündung für den Film, so die Regisseurin, war die Tatsache, dass sich 90 Prozent der Frauen in Deutschland in dieser Situation für eine Abtreibung entscheiden. Der Zuschauer bekommt tiefe Einblicke in den aufwühlenden Prozess, den die Nachricht über einen Gendefekt bedeutet: Die eigenen Überzeugungen und der eigene Sinn für Menschlichkeit geraten gehörig ins Wanken. Der Film urteilt jedoch nicht, und abgesehen von der Befürwortung des Rechts auf Abtreibung bezieht er keine Position. Obwohl Regisseurin Anne Zohra Berrached uns die Gefühlswelt ihrer Protagonisten offenlegt, zeigt sie uns mit diesem Film ganz deutlich: Man weiß nie, wie sehr andere Menschen unter den eigenen Entscheidungen leiden.

 

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

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