Von der Freiheit getragen

21. September 2014

Tagebuch des Christian Bürger, Folge 10

10. Juli 1990

„Dies ist mein erster Tagebucheintrag, den ich in Westdeutschland schreibe. Vor etwa einem Jahr war ich in der deutschen Botschaft in Prag angekommen. Heute, im Juli 1990, ist Deutschland nicht nur wiedervereinigt sondern auch Fußball-Weltmeister. Nach dem Finale schritt Trainer Franz Beckenbauer allein über den Rasen. Ich weiß genau, wie er sich dabei fühlte. Genauso wie ich damals an meinem letzten Tag in der Botschaft: Vom schönen Garten des Palais Lobkowitz ist nichts mehr übrig. Nur noch Schlamm und platt getretene Pfade. Zelte stehen dicht an dicht, ihre Planen flattern leise. Das einzige Geräusch, das zu hören ist. Niemand ist mehr hier. Nur noch ich. Ich gehe durch den Garten der Botschaft, der so wirkt, als sei hier eine Schlacht geschlagen worden. Es war eine Schlacht – aber eine ohne Blutvergießen. Es war der Prolog zum Mauerfall: Einer friedlichen Revolution in einem ehemals geteilten und geschundenen Land, in dem zu viel Blut vergossen worden war.

„Es war eine Schlacht – aber eine ohne Blutvergießen. Es war der Prolog zum Mauerfall.“

Ich schloss meinen Bürocontainer ab, packte meine Tasche und schaute noch einmal in das ein oder andere Zelt. Alle waren leer. Die Menschen waren nun auf dem Weg in die Freiheit. Ich verabschiedete mich von Herrn Weber und ging durch das Außentor, durch das ich gekommen war. Wir hatten zwei Stunden Zeit, die bereitstehenden Busse zu besteigen, die uns zum Bahnhof bringen sollten. Ich half ein wenig mit bei der Koordination. 5000 Menschen in zwei Stunden in Busse zu bekommen, ist nicht ganz so einfach. Bei einigen war der Fluchtgedanke geweckt worden: „Wer zuerst kommt, ist zuerst im Westen.“

Die Straße stand voll mit wahrscheinlich allen Bussen, die in Prag aufzutreiben gewesen waren. Überall Presse und Medienauflauf, viele tschechische Bürger. Sie applaudierten uns vom Straßenrand aus, haben sich ehrlich für uns gefreut. Und wir, die Parade der Flüchtlinge, schritten die klatschenden Prager ab und bestiegen die Busse. Erfüllt von einem triumphalen Gefühl. Wie Gladiatoren, die von einer siegreichen Schlacht heimkehren.

Videotagebuch Folge 10
VON DER FREIHEIT GETRAGEN


Leider hatte ich nicht die Gelegenheit gehabt, mich von dem Botschafter-Ehepaar Huber zu verabschieden. Doch bald werde ich sie wiedersehen – in ein paar Wochen bin ich zu einem Grillfest eingeladen, das die Hubers zum einjährigen Jubiläum unserer Ausreise geben. Als die Einladung kam, entschloss ich mich, dieses Tagebuch weiterzuführen. Einmal im Westen angekommen, hatte ich kein Bedürfnis mehr, meine Gefühle aufzuschreiben und zu reflektieren. Ich glaube, die Texte hatten mir vor allem geholfen, die Hoffnung nicht zu verlieren – und das Ziel nicht aus den Augen.

Doch bevor ich die Menschen, mit denen ich die aufregendste Zeit meines Lebens verbrachte habe, wiedersehe, möchte ich meine Geschichte einmal vollständig erzählt haben. Und daher werde ich jetzt noch einmal zurückkehren in den Zug, der mich in den Westen brachte. In meinen ,Zug in die Freiheit’.“


ZEITZEUGEN – UND WAS AUS IHNEN WURDE

Wolfgang Ischinger, Diplomat

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Er begleitete einen der Züge der zweiten Ausreisewelle. Im Film berichtet er von den katastrophalen Zuständen in der Botschaft und in den völlig überfüllten, ungeheizten Zügen.

Deutsche Botschaft in Prag
Christian Bürger floh im Juni 1989 in die Bundesdeutsche Botschaft in Prag. Er half der Botschaftsleitung bei der Organisation und Erfassung der Flüchtlinge. Er verbrachte nach der Ankunft in Hof ein paar Jahre in Dingolfing und arbeitete in der Gastronomie. Heute lebt er wieder in Chemnitz.

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