In der Berater-Hölle: „Zeit der Kannibalen“

14. Februar 2014

„Zeit der Kannibalen“, sozusagen das deutsche Pendant zu „The Wolf Of Wall Street“, hat in der Sektion Perspektive Deutsches Kino mächtig für Wirbel gesorgt. Berlinale-Bloggerin Jutta Brendemühl gibt eine klare „unbedingt ansehen!“-Empfehlung.

„Zeit der Kannibalen“, Perspektive Deutsches Kino, DEU 2013, Regie: Johannes Naber, im Bild: Sebastian Blomberg | © Pascal Schmit

„Zeit der Kannibalen“, Perspektive Deutsches Kino, DEU 2013, Regie: Johannes Naber, im Bild: Sebastian Blomberg | © Pascal Schmit

Wir erleben zwei junge Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs und daneben eine junge Frau. „Irgendjemand muss es ja machen“, die ewige Entschuldigung der Business Consultants, reicht nicht mehr aus, um das Gehabe der drei Geschäftsleute zu rechtfertigen, die im Namen des Kapitalismus durch die Welt jetten – drei tolle Schauspieler, die vom Regisseur Johannes Naber eindrucksvoll in Szene gesetzt werden.

Angeführt wird das Trio Infernal vom großartig agierenden Devid Striesow, den wir aus Tom Tykwers Drei kennen. Er spielt den Geschäftsmann Öllers, der nahtlos zwischen den Rollen des gelackten Anzug-Typs und der des verzweifelten Ehemanns und Vaters hin- und herspringt. Sein Partner Niederländer lässt seine Aggressionen verbal wie körperlich an sämtlichen Hotelbediensteten aus – Sätze wie „Wenn Sie mir die Mittagsmaschine buchen, hacke ich Ihnen den Kopf ab!” gehören zu seinem Grundvokabular. Den Hass der ständig schlecht behandelten Angestellten auf den arroganten Geschäftsmann fängt Regisseur Naber dabei geschickt ein. Neu im Team ist die ehrgeizige Kollegin Bianca März (gespielt von Katharina Schüttler).

Die zwei Männer – von Freunden kann wohl nicht die Rede sein, auch wenn sie seit Jahren in einem kleinen Team eng zusammen arbeiten – werfen sich ständig die Bälle zu, wenn sie nicht gerade eigene Interessen verfolgen oder Betrügereien aushecken. Ihr Verhalten rücksichtslos zu nennen, wäre noch zu wenig, trotzdem haben wir irgendwie auch Sympathie mit den drei Figuren – mit den schmierigen Business-Typen vielleicht sogar noch mehr als mit Bianca und ihrer ständigen moralischen Verteidigung. Kaum erfahren sie vom Selbstmord eines Kollegen, Hellinger, machen sie sich schon über den „Memorial Status“ auf seinem Facebook-Konto lustig. Der schwarze Humor geht auf ihre eigenen Kosten, darüber sind sie sich völlig im Klaren: „Das einzige, was uns vom Selbstmord abhält, sind die Fenster, die sich nicht öffnen lassen“. Auch bei ihren Partnern vor Ort machen sie keine Gefangenen.

Mitgefühl hat hier nichts verloren, was zählt ist PPP: People, Profit, Planet – der Leitspruch ihrer Firma. Nicht nur der Zuschauer hat Grund genug, die Punkte eins und drei gründlich anzuzweifeln. Die Beziehung zwischen Indern und Pakistanern glaubt Öllers prägnant auf den Punkt zu bringen: „Ihr Inder verbrennt Witwen, die da tragen Burkas. Wo ist der Unterschied?“ Wie viele andere hohe Tiere benimmt sich das Trio in seiner Freizeit wie auf einem Kindergeburtstag. Da bewirft man sich gegenseitig mit Nüssen, während Öllers den Geburtstag seines Sohnes schlicht vergisst.

„Hier drin sind wir sicher” ist ein weiteres Mantra. Stimmt es nicht auch? Immerhin spielt der Film ausschließlich in Hotelzimmern. Indien, China oder Nigeria sind immer nur irgendwo da draußen. Zeit der Kannibalen wurde in einem Kölner Studio gedreht, was wohl der für Geschäftsreisende typischen isolierten und von der Außenwelt abgeschotteten Atmosphäre zuträglich war. Der Film führt uns auf tragische Weise vor Augen, wie hochqualifizierte Consultants, die nichts anderes tun, als andere Menschen zu beraten, an ihrem eigenen Leben jämmerlich scheitern.

Das Drehbuch brilliert mit haarsträubenden und provokanten Dialogen, die wie aus einem Maschinengewehr abgeschossen werden. „Er meint es nicht böse, es ist ihm nur egal“ beruhigt Niederländer etwa die neu zur Gruppe hinzustoßende Bianca, als sie den stets nörgelnden Öllers angreift (mit dem sie später noch ins Bett geht). Die Situation eskaliert: privat, beruflich und auch draußen auf den Straßen. Als echte Maschinengewehre auf der Bildfläche erscheinen („Der Sound des Jihad“, wie Öllers bemerkt), fällt ihr ganzes System in sich zusammen wie ein Kartenhaus, und es kommt zu Dialogen wie diesem hier: Öllers: „Wenn es ernst wäre, hätten sie uns schon längst rausgeholt.“ – Bianca: „Wer? Die deutsche Botschaft?“, worauf Öllers – wie immer sarkastisch – antwortet: „Nein, das Goethe-Institut“. Als es später hart auf hart kommt, hat die Botschaft gerade Mittagspause. Und in dieser schweren Stunde das Goethe-Institut anzurufen, kommt ihnen nicht in den Sinn …

Abgesehen von der glänzenden Leistung, die er aus seinem Team herausholt, sind es die kleinen Dinge, die Regisseur Johannes Naber auszeichnen: die Business-Gespräche an der Bar, bei denen die Teilnehmer Partyhütchen tragen, oder die immer wieder eingeschobenen dreisekündigen Blackout-Shots. Für seinen Debütfilm Der Albaner hat Naber schon den für Jungregisseure wichtigen deutschen Max-Ophüls-Preis bekommen, und für dieses Nachfolgewerk wird es sicherlich weitere Auszeichnungen regnen. Zeit der Kannibalen von Johannes Naber – eine Zweitfilm-Sensation mit klarer „unbedingt ansehen!“-Empfehlung.

Jutta Brendemühl
bloggt für GermanFilm@Canada von der Berlinale.

Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Bode

Dieser Blogpost wurde ursprünglich auf Goethe.de publiziert.

Copyright: Goethe-Institut e. V.
Februar 2014

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