German Traditions: The „Posiealbum“

What is a "posiealbum"?  Guest blogger Jalees will explain.  Photo copyright dpa / picture alliance

What is a „posiealbum“? Guest blogger Jalees will explain. Photo copyright dpa / picture alliance

Today we’ll be hearing from Guest Blogger Jalees Rehman auf Deutsch about a present he recently gave his daughter that brought back his own German childhood.  Enjoy!

Ich habe meiner Tochter zu ihrem neunten Geburtstag ein Poesiealbum gekauft. Warum gerade zum neunten Geburtstag? Weil ich neun Jahre alt war, als mich eine Klassenkameradin zum ersten Mal bat, etwas in ihr Poesiealbum zu schreiben.

Das ist jetzt schon 32 Jahre her, aber ich weiß, dass ich damals ziemlich nervös war, noch nervöser als bei einer Prüfung für die Schule. Man will schließlich etwas Nettes in ein Poesiealbum schreiben, irgendeine Lebensweisheit oder ein schönes Gedicht – etwas für die Ewigkeit. Es darf aber auch nicht zu kitschig sein. Wenn man als Junge etwas in ein Poesiealbum schreibt, muss man ja aufpassen, dass es nicht zu „mädchenhaft“ klingt.

Bei diesem ersten Mal fiel mir ein Lied ein, das wir in der Schule immer wieder gesungen haben. Dieses Lied war eine Lebensweisheit, die für alle Ewigkeit sein würde. Ich nahm meinen Pelikanfüller zur Hand und fing an, in meiner allerbesten Handschrift ein paar allgemeine Sätze über unsere gemeinsame Schulzeit zu schreiben. Als ich dann das erste Wort dieses Liedes schrieb, habe ich es mir doch anders überlegt. Es war doch wirklich nicht „cool“ genug für ein Poesiealbum. Mit dem Tintenkiller wurde dieses erste Wort gelöscht– und dann ein paar „coole“ Sätze, an die ich mich gar nicht mehr erinnern kann. Als ich fertig war, dachte ich mir, dass ich alles wieder löschen sollte, weil es doch so doof klang. Ich habe aber dann im Poesiealbum herumgeblättert und geschaut, was die anderen so geschrieben hatten. Ich weiß bis heute nicht, ob diese Form des Poesiealbumvoyeurismus unmoralisch ist, aber es war hochinteressant und auch sehr erleichternd. Die anderen Beiträge waren nämlich genauso unbeholfen wie meiner.

Ich habe nie ein eigenes Poesiealbum besessen. Aber nachdem ich diese anfängliche Nervosität überwunden hatte, hat es mir immer wieder Spaß gemacht, etwas in ein Poesiealbum zu schreiben.

In den USA gibt es keine Poesiealben und ich weiß gar nicht, ob man in Deutschland immer noch Poesiealben benutzt. Vielleicht schickt man ja heutzutage nur noch Emails mit Emoticons oder schreibt kleine Facebook-Posts und Blogbeiträge, die für alle Ewigkeit bestimmt sind. Trotzdem wollte ich die Tradition des Poesiealbums wiederbeleben oder beibehalten, und als meine Tochter vor ein paar Wochen neun Jahre alt wurde, war es die perfekte Gelegenheit, ihr ein Poesiealbum zu schenken und ihr zu erklären, was man damit macht.

Erst musste ich mal ein Poesiealbum in den USA finden – keine leichte Sache, denn ich wusste nicht einmal wie man „Poesiealbum“ ins Englische übersetzt. Nach einigen Internetrecherchen habe ich auf Ebay etwas gefunden, das echt toll aussah und hoffentlich meiner Tochter gefallen würde. Ein handgemachtes „Journal“ aus Bambusmaterial mit einem schönen Einband.

Als ich es ihr zeigte, war sie wirklich begeistert. Dann musste ich ihr aber erklären, was man mit einem Poesiealbum macht:

„Your friends can write their wishes and thoughts for you, talk about your friendship, maybe draw something or write a poem….“

Dann habe ich ihr gesagt, dass ich den ersten Beitrag schreiben würde, und zwar auf Deutsch.

„Why in German?“

„Because it is a Poesiealbum!“

„So? Can’t you write it in English?“

„No, because it is a Poesiealbum!“

Ganz überzeugt war sie nicht, aber sie hat dann gesagt, dass es ok wäre, so lange ich alles für sie mündlich übersetzen würde. Ich habe eingewilligt, und als ich mich hingesetzt habe, musste ich feststellen, dass ich wieder sehr nervös war, wie beim ersten Mal vor 32 Jahren. Was schreibt man denn als Vater in das Poesiealbum der eigenen Tochter? Gibt es denn überhaupt Lebensweisheiten oder Gedanken, die für alle Ewigkeit gültig sind?

Dann hatte ich eine Idee, und ich schrieb die Worte, die ich mich vor 32 Jahren nicht getraut hatte. Als Vater kann man es sich ja leisten, nicht mehr „cool“ zu sein und etwas Kitschiges zu schreiben.

„Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König“

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4 Comments

on German Traditions: The „Posiealbum“.
  1. Boris Schneider
    |

    Sehr schöne Geste. Traditionen muss man hochleben lassen und bewahren, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Und ja. Das Poesiealbum ist typisch Deutsch, würde ich mal sagen, zumindest in Europa und den USA. 😉

    Danke für den schönen Text!

  2. |

    Danke für diesen Artikel! Du hast mich mit ihm direkt in die Kindheit gebracht, als ich noch selbst nicht wusste, wie cool oder uncool meine Einträge in den verschiedenen Poesialben sein durften 😀

  3. Anke J
    |

    „Nie verlerne so zu lachen, wie du jetzt lachst, froh und frei – denn ein Leben ohne Lachen ist wie Frühling ohne Mai!“
    Zitat aus meinem Poesiealbum – geschrieben von meiner Mutter.
    Ich versuche es immer noch zu beherzigen 🙂

    Deine Idee finde ich gut, mal sehen, vielleicht schenke ich meiner Tochter, die im August auch 9 wird ebenfalls ein Poesiealbum (wir wohnen in Frankreich) – vielleicht kann man ja so eine deutsche Tradition ins Ausland verpflanzen – mit dem Tannenbaum hat’s ja auch geklappt 😉
    LG aus Lyon
    Anke

  4. Christian Schmid
    |

    Sehr schöner Artikel. Und ich finde es toll, dass die Tradition weitergetragen wird. In Deutschland gerät sie mehr und mehr in Vergessenheit. Es gibt sie zwar noch die Poesie-Alben, aber sie fristen leider ein Nischendasein. Online ist heute viel cooler. Und was man nicht alles als App downloaden kann, ist out. App your life, oder was? Doch wer liest noch in 50 Jahren alte Pinnwandeinträge? Wahrscheinlich niemand.
    Bei den Schulkameradentreffen meiner Eltern oder Großeltern werden gerne die alten Poesiealben herausgekramt und dann in den alten Zeiten geschwelgt.

    Mein Spruch für das Poesiealbum meiner Freunde lautete übrigens: „Freundschaft ist wie eine Tür zwischen zwei Menschen. Sie kann manchmal knarren, sie klemmt hin und wieder, aber sie ist niemals verschlossen.“

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